Evidenz in Zeiten des Coronavirus

Wissenschaftliche Expertise im Ausnahmezustand

Seit das Virus SARS-CoV-2 und die dazugehörige Erkrankung COVID-19 sich weltweit ausbreiten herrscht hierzulande wie international ein Ausnahmezustand. Der globale Kampf gegen die Pandemie wird begleitet von der Unsicherheit über die wissenschaftliche Grundlage der Maßnahmen.

Die Neuartigkeit des Virus stellt ein gravierendes Problem für evidenzbasierte Ansätze dar. Prognosen und Modelle mit unvollständiger Datengrundlage müssen für kurzfristiges Handeln herhalten, um die Infektionsrate zu senken. In seinem Podcast verglich der US-amerikanische Arzt Vinay Prasad gesundheitspolitische Entscheidungen rund um die COVID-19-Pandemie daher mit außenpolitischen Entscheidungen, für die es ebenfalls keine randomisierten Studien gäbe, auf die man sich verlassen könne.1 Auch der momentan wohl prominenteste deutsche Virologe Christian Drosten, Leiter der Virologie der Berliner Charité, weist immer wieder auf Wissenslücken und Unsicherheiten der Wissenschaft hin.

Die tatsächliche Wirksamkeit von Ausgangssperren ist beispielsweise eine solche Unsicherheit. So erläuterte Drosten, dass es „überhaupt keine Daten, weder in Deutschland noch irgendwo anders“ dazu gäbe, welchen Effekt eine Ausgangssperre hat.2 Der US-amerikanische Gesundheitsforscher und Stanfordprofessor John P.A. Ioannidis bezeichnete die Situation als „evidence fiasco“ und beklagte die weltweit drastischen politischen Entscheidungen als wissenschaftlich unfundiert.3 Kritik erntete er dafür unter anderem von Marc Lipsitch, Epidemiologe an der Harvard University. „Es gibt momentan zwei Optionen für COVID-19: Langfristige soziale Distanzierung oder das Gesundheitssystem überlasten“, so Lipsitch. Er begründete seine Einschätzung wiederum mit den Ergebnissen einer Studie des Imperial College London.4 Laut dessen Modellstudie, die Mitte März veröffentlicht wurde, sind Ausgangssperren ein effektives Mittel um Todesfälle zu verhindern. Doch diese Strategie müsste laut den Autor*innen bis zu 18 Monate beibehalten werden – so lange bis ein Impfstoff entwickelt wird.5 Die tatsächliche Wirksamkeit von Ausgangssperren bleibt also weiterhin unklar.

Normalität in Aussicht?

Bereits Mitte April wurden vielerorts die Stimmen laut, den Ausnahmezustand von Ausgangssperren, Schulschließungen und Schließungen von Läden und Cafés wieder aufzuheben. Auch in Deutschland: NRW-Ministerpräsident Laschet forderte die „Rückkehr in die verantwortungsvolle Normalität“ unter Berufung auf eine frisch veröffentlichte Studie von Forscher*innen der Universität Bonn.6 Sie hatten anhand der Untersuchung von rund 500 Personen in einer Gemeinde festgestellt, dass 15 Prozent der Menschen bereits eine SARS-CoV- 2-Infektion durchgemacht hatten. Doch unabhängige Expert*innen kritisierten die Methodik der Studie, die laut Projektleiter Hendrik Streek „mit der heißen Nadel gestrickt“ wurde.7

Bisher scheint die Pandemie-Strategie in Deutschland anzuschlagen. Am 17. April vermeldet der Präsident des Robert-Koch-Instituts Lothar Wieler ein weiteres Absinken der Reproduktionszahl, also der Anzahl Personen, die eine infizierte Person im Durchschnitt ansteckt.8 Kleine Läden sollen wieder öffnen dürfen und ab Mai sollen die Kliniken wieder in den Regelbetrieb übergehen. Wenn dieser Artikel Mitte Mai gedruckt ist, ist möglicherweise schon absehbar, ob das Zurückfahren der Maßnahmen zu früh war oder anhand neuer Daten nachgesteuert werden muss. Das Unsicherheitsgefühl, sich in einem Echtzeit-Experiment zu befinden, wird uns leider weiter begleiten.

  • 1. Plenary Session (2020): Folge 2.46. Online: www.soundcloud.com/plenarysession/ep246 [letzter Zugriff: 17.04.2020].
  • 2. NDR (2020): (18) Coronavirus-Update: Die Wirksamkeit von Ausgangssperren ist unklar. Online: www.kurzlink.de/gid253_c [letzter Zugriff: 17.04.2020].
  • 3. Ioannidis, J.P.A. (17.03.2020): A fiasco in the making? As the coronavirus pandemic takes hold, we are making decisions without reliable data. In: STAT. Online: www.kurzlink.de/gid253_d [letzter Zugriff: 17.04.2020].
  • 4. Lipsitch, M. (18.03.2020): We know enough now to act decisively against Covid-19. Social distancing is a good place to start. In: STAT. Online: www.kurzlink.de/gid253_e [letzter Zugriff: 17.04.2020].
  • 5. Ferguson, N.M. et al. (2020): Impact of non-pharmaceutical interventions (NPIs) to reduce COVID-19 mortality and healthcare demand. In: STAT. Online: www.doi.org/10.25561/77482 [letzter Zugriff: 17.04.2020].
  • 6. Zinkant, K. (10.04.2020): Corona-Krise: Kritik und Zweifel an Studie aus Heinsberg. In: Süddeutsche Zeitung. Online: www.sz.de/1.4873480 [letzter Zugriff: 17.04.2020].
  • 7. Schumann, F./Lüdemann, D. (10.04.2020): „Unplausible Zahlen“ – Kritik an Heinsberg-Studie. In: Tagesspiegel. Online: www.kurzlink.de/ gid253_g [letzter Zugriff: 17.04.2020].
  • 8. Tagesschau (17.04.2020): „Bekämpfungsstrategie zeigt Erfolge“. Online: www.kurzlink.de/gid253_h [letzter Zugriff: 17.04.2020].

Isabelle Bartram ist Molekularbiologin und Mitarbeiterin des GeN. Außerdem ist sie Teil der Forschungsgruppe “Human Diversity in the New Life Sciences: Social and Scientific Effects of Biological Differentiations” (SoSciBio) an der Universität Freiburg.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
253
vom Mai 2020
Seite 32

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