Sozialwissenschaft und Politik

Hilfreiche Kritik oder Systemversagen?

Wie sehen SozialwissenschaftlerInnen und AktivistInnen das Verhältnis zwischen wissenschaftlicher Forschung und politischer Praxis? Wo hat kritische Wissenschaft einen Mehrwert für die politische Arbeit, und inwiefern lässt sich beides im Alltag vereinbaren? Diese und ähnliche Fragen stellten wir Menschen aus dem näheren Umfeld des GeN, die die Gen-, Bio- und Reproduktionstechnologien zum Teil schon seit Jahrzehnten kritisch begleiten und sich gegen die genzentrierte Sichtweise auf Mensch und Natur zur Wehr setzen. Vier davon meldeten sich in kurzen Statements zu Wort.


Systemversagen der Sozialwissenschaften Von Hauke Benner
Politisch groß geworden bin ich in den 70er Jahren in der westdeutschen Anti-AKW-Bewegung. Schnell wurden wir konfrontiert mit der Verquickung der Macht von Atomkonzernen, Regierungen und der Wissenschaft. Wir nannten das damals die „Atommafia“. Sie beherrschte den wissenschaftlichen Diskurs in der Frage um das Für und Wider der „friedlichen Nutzung“der Kernenergie. Die Physik und speziell die Kernphysik beanspruchte darin mittels der behaupteten Neutralität und Objektivität der Forschung ihren Absolutheitsanspruch. Kennzeichnend zugleich war die Ignoranz der herrschenden Wissenschaft gegenüber den Folgen in anderen Wissenschaftsbereichen wie der Medizin und der Biologie - dazu nur ein Stichwort: die völlige Unterschlagung der Gefahren der radioaktiven Niedrigstrahlung. Doch das blieb nicht ohne Widerspruch. Kritische PhysikerInnen und BiologInnen sowohl in den USA wie in der BRD deckten die Vertuschung von Unfällen in den Forschungslabors wie von Störfällen in den Atomreaktoren auf, prangerten die Zensur durch staatliche Behörden und durch Wissenschaftsmagazine an. Sie kritisierten die Missachtung der gesellschaftlichen Folgen der Nutzung der Atomkraft und widerlegten den Objektivitätsanspruch der Kernphysik; naturwissenschaftliche Erkenntnis sei immer interessensgeleitet. Von diesen kritischen Physikern haben wir viel gelernt, mit ihnen haben wir bei den Erörterungsterminen eng zusammengearbeitet. Zumindest in den 70er Jahren fehlten dabei allerdings die SozialwissenschaftlerInnen. Lediglich einige wenige Sozial-PhilosophInnen standen uns zur Seite, so unter anderen Robert Jungk. In Deutschland ist der Widerstand gegen die Gen- und Biotechnologie schon mehr als 25 Jahre alt. Zunächst waren es vor allem militante Frauengruppen, die den Widerstand formierten. In den 90er Jahren haben sowohl verschiedene Bürgerinitiativen, wie Behindertengruppen, Frauengruppen, Ökobauern und GenossInnen aus dem anarchistischen und autonomen Spektrum die theoretische und praktische Kritik wieder verstärkt. Der wissenschaftliche Streit, unter anderem um die Patentierung des Lebens, wurde dabei vornehmlich von NaturwissenschaftlerInnen, einigen MedizinerInnen und ganz wenigen Sozialwissenschaftlerinnen wie Maria Mies ausgetragen. Wie 15 Jahre zuvor in der Physik ging es wiederum um die Kritik naturwissenschaftlicher Forschung und ihres Machtanspruchs. Die Mainstream-Sozialwissenschaften beschäftigten sich, wenn überhaupt, mit der Akzeptanzforschung oder kamen als moderne Eugeniker daher und rechtfertigten damit die Genforschung. Eine Kritik der Macht der Pharma- und Agrobusinesskonzerne und deren Forschungsinteressen fand nicht statt. Zusammenfassend: Mir als Aktivisten in der Zeit von 1995 bis 2008 haben die Sozialwissenschaften nur ganz wenig geholfen bei einer Kritik der Gentechnik, der politisch-ökonomischen Interessen der industriellen Landwirtschaft und ihrer politischen und wissenschaftlichen Lobbyarbeit. Mensch könnte schon direkt von einem Systemversagen der Sozialwissenschaften sprechen.

Warum ich mich heute eher als Wissenschaftler und weniger als politischer Aktivist verstehe Von Bernhard Gill
Wertfreie Wissenschaft gibt es nicht und kann es auch niemals geben, weil sie am Ende wertlos wäre. Aber trotzdem ist Wissenschaft nicht gleich Politik: Wissenschaft versucht, Konsens über kognitiv folgerichtig Denkbares herzustellen. Politik soll Kompromisse über sozial Wünschbares aushandeln. Beides sind in meinen Augen notwendige und ehrenwerte Aktivitäten. Laien und die meisten Naturwissenschaftlerinnen glauben zwar, dass man politischen Aktivismus auf wissenschaftlich „objektive“ Erkenntnis stützen kann. Aber wie erklärt man dann, dass es politische Gegner gibt? Sind die böswillig oder sind die dumm? Für Sozialwissenschaftler stellt sich das Problem etwas komplizierter dar: Da sie den Unterschied zwischen Wissenschaft und Politik reflektieren gelernt haben, müssen sie sich entscheiden: Entweder bringen sie sich den politischen Prozess ziemlich distanziert vor Augen, gegebenenfalls auch die eigene politische Handlungsweise - dann werden sie fast zwangsläufig zu Wissenschaftlerinnen, also in gewisser Weise politisch handlungsgehemmt. Oder sie „entlarven“ immer nur den Gegner - dann sind sie politische Aktivisten in wissenschaftlicher Verkleidung. Zur Handlungsfähigkeit gehört es dann, die eigene Position nicht zu gründlich zu hinterfragen. Ich finde es erstaunlich, wie es der gentechnikkritischen Bewegung in Europa in den letzten zwanzig Jahren gelungen ist, mit geringen Ressourcen, aber viel Fortune sehr stabile Bastionen im öffentlichen Diskurs zu etablieren. Ich bin heute froh, dass ich diese Bastionen - und die der Gegnerinnen - untersuchen kann, aber nicht mehr verteidigen muss. Dementsprechend nehme ich inzwischen Positionen ein, die weder von den Befürwortern noch den Gegnern der Gentechnik gerne gehört werden. Mein Ziel dabei ist die Demokratisierung und Domestizierung von Technologien und die Selbstaufklärung über unsere Wünsche, die wir technisch zu realisieren trachten. Ich würde es dabei nicht als Unglück ansehen, wenn wir eines Tages Gentechnik so alltäglich fänden wie elektrischen Strom, aber ich hätte auch nichts dagegen, wenn sie, wie viele andere Technologien auch, in Vergessenheit geriete. Mein Ziel ist es nicht, die Gentechnikkritik mit Argumenten zu munitionieren, sondern alle Akteure in einen offeneren Austausch über wünschbare Ziele zu bringen. Aber ich mache mir keine Illusionen darüber, dass das schwierig ist.

Hilfreiche Kritik Von Gregor Kaiser
Berthold Brecht prägte den Begriff des Eingreifenden Denkens und brachte damit zum Ausdruck, dass nur eine Synthese von Wissen und Erkenntnis auf der einen und aktivem Handeln und Wirken auf der anderen Seite zu Veränderungen führt. Beide Seiten gehören zusammen. Eine Trennlinie zwischen beiden zu ziehen, würde bedeuten, Widersprüche des menschlichen Lebens zu verschleiern und unsere Machtlosigkeit gegenüber den Herrschenden zu suggerieren. Diese führt aber zu Lähmung und endet in Untätigkeit. Sozialwissenschaftliche Forschung ist meiner Ansicht nach prädestiniert, Erkenntnisse zu liefern, kritische Grundhaltungen auszubilden und immer wieder Gleichgesinnte zusammenzuführen, die die bestehenden Machtverhältnisse hinterfragen. Für mich ist dies prägend gewesen: Als sich im Jahr 2001 in Vorbereitung der Diskussionen zu Rio+10 in Frankfurt neben anderen auch sozialwissenschaftlich geprägte Menschen zusammengefunden haben, um das Thema Nachhaltigkeit zu diskutieren, ist die BUKO Kampagne gegen Biopiraterie entstanden! Die BUKO Kampagne hat viele Jahre lang intensiv die Biodiversitätspolitik kritisch analysiert und mit Aktionen auf die damit verbundenen Folgen aufmerksam gemacht. Viele Menschen aus diesem Kontext haben (sozial-)wissenschaftlich an dem Themenspektrum gearbeitet und ihre Ergebnisse sind kontinuierlich in die konkrete Kampagnenarbeit eingeflossen. Zugleich ist die Kampagne von SozialwissenschaftlerInnen regelmäßig kritisiert worden - was für die konkreten Analysen und Projekte hilfreich war! „Wissenschaft“ sollte übrigens in meinem Verständnis nicht eng im westlichen Sinne verstanden werden. Auch indigenes Wissen ist ein essentieller Bestandteil der globalen Commons. Auf diesen Aspekt haben neben NGO-AktivistInnen und Indigenen gerade auch SozialwissenschaftlerInnen immer wieder hingewiesen. Daher ist sozialwissenschaftliche Forschung zwingend notwendig, gerade in den Bereichen, die bis heute immer noch zu sehr naturwissenschaftlich dominiert sind.

Manchmal notwendig Von Udo Sierck
Als Anfang der achtziger Jahre Mitarbeiter des Instituts für Medizin-Soziologie in der Hamburger Krüppelgruppe auftauchten, um diese Blüte der Selbsthilfe in ihre Forschungsarbeit einzubeziehen, wurden sie höflich vor die Tür gesetzt. Die junge politische Behindertenbewegung hatte genug von (sozial-)wissenschaftlichen Studien rund um das „Phänomen Behinderung“, die bestenfalls eine Gemeinsamkeit besaßen: Sie waren gut gemeint und schlecht gemacht. Behinderte Menschen blieben die Objekte von oben herab durchgeführter wissenschaftlicher Projekte. Dass behinderte Frauen und Männer selbst das Wort ergreifen, ihren Alltag fundiert analysieren und daraus Ergebnisse ableiten können, diese Möglichkeit schien den beteiligten Fachdisziplinen undenkbar und schlug sich im Tenor ihrer Publikationen nieder. Entsprechend konnte die sich entwickelnde Behindertenbewegung bei ihren Forderungen nach Selbstbestimmung in allen Lebensbereichen auf keine wissenschaftliche Literatur zurückgreifen - es gab sie nicht (oder wurde erst später entdeckt). Und wer sollte auch die Intentionen der Krüppelgruppen erklären außer deren Mitglieder selbst? Für die häufig bitteren Erfahrungen mit Pädagogik oder Medizin bedurfte es zudem keine wissenschaftlichen Erläuterungen Dritter. Die Ebene der Betroffenheit verband sich jedoch schnell mit eigenen Recherchen. So wurde mit der radikalen Ablehnung der genetischen Beratungsstellen eine Position bezogen und begründet, für die die überraschten Sozialwissenschaften erst im Laufe der nachfolgenden Jahre Beiträge produzierten. Die Beispiele ließen sich fortsetzen. Andererseits führten die zunehmenden Auseinandersetzungen auf verschiedenen Ebenen zur Notwendigkeit, die eigene Überzeugung untermauern zu müssen und entsprechende (sozial-)wissenschaftliche Studien zu nutzen. Vor gut dreißig Jahren waren diskriminierende Denkmuster und starre Aussonderungsmuster offensichtlicher und damit leichter mit der begründeten Empörung über Ungerechtigkeit zu attackieren. Gezielt Wissen aus Forschung und Lehre hinzuziehen, ist heute dagegen hilfreich und manchmal notwendig. Diese Entwicklung wird dadurch gestützt, dass derweil etliche „Behindertenbewegte“ selbst sozialwissenschaftliche Studien vorlegen und damit die Disability Studies mit der Sicht auf Behinderung als eine kulturelle Fragestellung auch in Deutschland vorantreiben. Diese Herangehensweise offenbart wiederum die berechtigte Skepsis gegen Sozialwissenschaften, wenn diese ihren traditionellen Blick behalten haben.

Hauke Benner, Polit-Rentner, lebt in Berlin.

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Bernhard Gill ist Soziologen an der LMU München.

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Gregor Kaiser hat Sozialwissenschaften und Biologie studiert, das Buch „Eigentum und Allmende. Alternativen zu geistigen Eigentumsrechten an genetischen Ressourcen“ veröffentlicht und bewirtschaftet im Sauerland einen Forstbetrieb mit ökologischer Weihnachtsbaumproduktion.

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Udo Sierck ist Dozent an der Evangelischen Hochschule Darmstadt, Publizist und seit fast vier Jahrzehnten in der emanzipatorischen Behindertenpolitik aktiv.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
218
vom Juni 2013
Seite 10 - 12

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