Wissenschaft kritisieren

Diskussion zur Arbeit des GeN

Über die inhaltliche Ausrichtung von GeN und GID wird intern viel diskutiert, ohne dass LeserInnen davon viel mitbekommen. Dieser Schwerpunkt, in dem wir von Wissenschaft und Forschung mehr Selbstkritik und Transparenz fordern, erscheint uns als gute Gelegenheit für eine transparente Selbstreflektion unserer Arbeit.

GID-Infotisch

Quelle: Christof Potthof

 

Isabelle Bartram: Das GeN nimmt für sich in Anspruch, im Bereich Gen-, Bio- und Reproduktionstechnologien eine von wenigen Organisationen zu sein, die eine „kritische Wissenschaftskommunikation“ für die Öffentlichkeit betreiben.

Christof Potthof: Für mich ist die Übersetzer-Funktion für Mitglieder des Vereins und interessierte Laien auch von großer Bedeutung. Aber ist das wirklich Wissenschaftskommunikation? Darüber hinaus öffnen GeN und GID Diskussionen, zum Beispiel mit der Unterstützung bei der Planung und Durchführung von Veranstaltungen und Work­shops, in denen Details aktueller Entwicklungen umfassend erklärt und diskutiert werden. Die Art und Weise unserer Arbeit - und die Sprache, die wir nutzen - ist dabei immer abhängig vom Kontext. Ein Artikel im GID ist anders verfasst als ein Slogan für eine Demo, der Titel eines Flyers oder der mündliche Beitrag in einer Diskussion. Im politischen Raum sind andere Dinge möglich und nötig als im wissenschaftlichen Raum - auch Verkürzungen und Zuspitzungen.

IB: Ich sehe diese Unterscheidung nicht. Verkürzungen bei der Arbeit für das GeN untergraben meiner Meinung nach die Glaubwürdigkeit der Inhalte des GID. Für glaubwürdige Kritik benötigt man präzise Argumente und transparente Arbeitsprozesse.
Wir kritisieren häufig Wissenschaftskommunikation, die übertreibt und so stark vereinfacht, dass sie unkorrekt wird. Auch die Darstellung von Wissenschaft als eine gradlinige, fehlerfreie Erfolgsstory, die „Fakten“ produziert, ist nicht angemessen. Aber um dieses Fehlverhalten seriös kritisieren zu können, dürfen wir selbst auch nicht zu sehr vereinfachen, weglassen oder übertreiben. Auch wenn das manchmal schwer ist, weil die Themen so komplex sind. Ein Großteil der GID-Artikel entspricht diesem Anspruch absolut. In manchen Materialien begegnen mir jedoch Slogans, mit denen ich nicht so viel anfangen kann. Zum Beispiel auf einem Selbstdarstellungsflyer der Spruch „Gentechnik ist keine Medizin“ - zu einem Zeitpunkt, wo der Großteil medizinischer Forschung Gentechnik beinhaltet.

CP: In bestimmten Situationen will ich auch zuspitzen können. Der angesprochene Titel des Flyers ist ein gu­tes Bespiel. Seine Bedeutung wird klarer, wenn wir uns den gegenteiligen Satz anschauen: „Gentechnik ist Medizin!“ Ich glaube unser Slogan ist daraus entstanden, dass die Technik oft schon als Lösung - und nicht nur als möglicher Teil einer Lösung - verkauft wird. Gentechnik ist nur ein klitzekleines Rädchen in der technischen Entwicklung. Medizin besteht aber auch zum Beispiel aus sozialmedizinischen Aspekten.

IB: Natürlich kann ich verstehen, wie man auf diesen Slogan gekommen ist. Der weitere Inhalt des Flyers ist auch schlüssig. Ich glaube aber, dass wir uns langfristig mit Verkürzungen keinen Gefallen tun. So legt der Slogan die Assoziation nahe, dass wir den Einsatz der Gentechnik in der Medizin pauschal kritisieren. Es ist möglich, Überschriften und Slogans zu formulieren, die inhaltlich korrekt sind und nicht übertreiben - wenn das nicht der Fall wäre, dürften wir das gleiche nicht bei anderen kritisieren.

CP: Ich frage mich vielmehr, an wen sich verkürzte Darstellungen aus der Wissenschaft richten beziehungsweise in welchem Kontext sie sich verorten.
Eine Nachricht über das Ergebnis einer Forschung sollte eben nicht verkürzt oder zugespitzt oder auch übertrieben sein. Wenn sie um Aufmerksamkeit buhlt, dann ist der legitime Grad der Zuspitzung für die Wis­senschaft sehr schmal - schmaler als der Grat, auf dem wir uns mit einem Flyer im politischen Raum bewegen.

IB: Ich befürchte, dass Verkürzungen dazu einladen könnten, unsere Kritik dazu zu verwenden, gefährlich falsche Dinge zu behaupten. Das ist inakzeptabel. Ich wünsche mir eine Auseinandersetzung und eventuell Abgrenzung von falscher Auslegung unserer Kritik, zum Beispiel Richtung VerschwörungstheoretikerInnen. Außerdem möchte ich nicht dazu beitragen, ein Feindbild Wissenschaft aufzubauen. Wissenschaft an sich ist meiner Meinung nach nicht das Problem.

CP: Ich glaube auch, dass eine aktivere Abgrenzung in Zukunft nötig sein wird. Wie das genau stattfinden kann, ist allerdings noch offen. Teilweise können wir auf Erfahrungen zurückgreifen, da zum Beispiel rechte Gruppen schon versucht haben, Inhalte von GeN und GID zu kapern oder zu kopieren.
Ich möchte auch nicht zu dem Feindbild Wissenschaft beitragen. Wissenschaft und Forschung haben eine große Bedeutung. Aber das GeN - und der GID - konnten sich im Grunde nur wegen seit Ewigkeiten andauernden Krisen in den Systemen Wissenschaft und Forschung entwickeln. Diese Krisen hängen unter anderem damit zusammen, dass es erhebliche Verquickungen staatlicher Forschungseinrichtungen mit wirtschaftlichen Interessen gegeben hat und bis heute gibt. Das ist im Landwirtschaftsbereich sehr deutlich. Wir wissen, dass in wissenschaftlichen Einrichtungen systematisch gelogen und betrogen wurde. Zuletzt haben dies wieder die sogenannten Monsanto Papers gezeigt.1

IB: Viele Mitglieder des GeN, viele AutorInnen des GID sind wissenschaftlich tätig. Differenzieren heißt für mich auch, Wissenschaft als das breite Spektrum an AkteurInnen wahrzunehmen das es ist. Viele WissenschaftlerInnen kritisieren ebenfalls Probleme im Wissenschaftsys­tem, wie die Orientierung von Forschungsförderung an ökonomischer Verwertbarkeit und die Bewertung von wissenschaftlicher Leistung anhand von Publikationen. Auch hier gibt es Menschen, die unser Ziel einer - grob gesagt - gerechten Welt teilen und Verantwortung und Transparenz in der Forschung und die Zurückdrängung ökonomischer Interessen fordern.
Mit einer differenzierten, glaubwürdigen und fachlich korrekten Kritik kann der GID ein Forum für diese kritischen WissenschaftlerInnen und Wissenschafts-Interessierten darstellen. Die erreicht man aber nicht durch verkürzte Slogans.

CP: Unabhängig von der Attraktivität von GeN und GID für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler glaube ich nicht, dass es an Foren für Wissenschaftskritik mangelt. Verbände wie die Vereinigung Deutscher Wissenschaftler, der Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler oder international auch ENSSER, INES oder die UCS 2 machen entsprechende Angebote. Ich befürchte, dass die Probleme an anderer Stelle liegen.

IB: Keine dieser Organisationen gibt eine Fachzeitschrift heraus, die sich wie der GID speziell mit den Lebenswissenschaften beschäftigt, mit unserem Themenfokus im deutschsprachigen Kontext. Mit diesen Themen sind wir durchaus attraktiv für WissenschaftlerInnen.
Dafür müssen wir auch bereit sein überholte Argumente eventuell aufzugeben und das offen kommunizieren. In unserem Positionspapier zu Genome Editing haben wir das getan. Wir sprechen uns dort gegen einen „verfrühten Einsatz“ der Methode aus.3 Mir war sehr wichtig, dass unsere Position nicht als generelle Gentechnik-Ablehnung in der Medizin interpretiert werden kann. Ökonomische und medizinische Interessen sind jedoch oft miteinander vermischt. Es bleibt daher wichtig zu kritisieren, wenn Techniken zu früh angewendet werden und Todesfälle in klinischen Studien in Kauf genommen werden, um Forschungsergebnisse schneller in Profite umzuwandeln.
Ich denke die Forschung in den Lebenswissenschaften wird zunehmend komplexer und ihre Konsequenzen schwerer für Laien durchschaubar. Unsere Arbeit ist also - besonders in Bereichen wie der Gendiagnostik - weiterhin sehr relevant.

 

 

Die GeN-MitarbeiterInnen und GID-RedakteurInnen Isabelle Bartram und Christof Potthof haben ihre Diskussion über die Arbeit von GeN und GID und deren Verhältnis zur Wissenschaft schriftlich festgehalten.

  • 1. Die Monsanto Papers und Corporate Science, Martin Pigeon, siehe dieses Heft Seite 17.
  • 2. ENSSER: European Network of Scientists for Social and Environmental Responsibility; INES: International Network of Engineers and Scientists for Global Responsibility; UCS: Union of Concerned Scientists.
  • 3. Präzise Technik? Kritik an Genome Editing. Stellungnahme des GeN, www.gen-ethisches-netzwerk.de/node/3520.

Christof Potthof ist Mitarbeiter im Gen-ethischen Netzwerk und Redakteur des GID.

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Isabelle Bartram ist Molekularbiologin und Mitarbeiterin des GeN.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
244
vom Februar 2018
Seite 20 - 21