Dialog? So nicht!

Bundeslandwirtschaftsministerium scheitert mit Veranstaltung in Berlin

Das Bundeslandwirtschaftsministerium hat mit einer sogenannten Dialogveranstaltung versucht, KritikerInnen und BefürworterInnen einer strikten Regulierung neuer gentechnischer Verfahren zusammenzubringen. (pdf)

Was kann alles falsch gemacht werden, wenn ein Dialog zu einem - vorsichtig ausgedrückt - nicht ganz unumstrittenen Thema gestartet werden soll? Unter diesem Motto hätte die „1. Dialogveranstaltung zu den neuen molekularbiologischen Techniken“ des Bundeslandwirtschaftsministeriums am 24. April stehen können. Der Autor dieses Textes war zu einer Gesprächsrunde geladen, die einen Teil des Programms im Berliner Umweltforum Auferstehungskirche bildete. Bei dieser Gelegenheit konnte er bereits einen Teil seiner hier etwas detaillierter ausformulierten Kritik vorbringen.1

Wer organisiert den Dialog? Diese Frage richtet sich an den Veranstalter, also das Bundeslandwirtschaftsministerium. Das Ministerium, vertreten durch Klaus Heider, Leiter der Abteilung 2 „Ernährungspolitik, Produktsicherheit, Innovation“ und Christoph von Heydebrand, Referatsleiter 222 „Neue Technologien“, hat diese Aufgabe an den Theologen Peter Dabrock von der Friedrich-Alexander-Universität Nürnberg-Erlangen vergeben. Dabrock ist seit 2016 auch Vorsitzender des Deutschen Ethikrates (DER).

In seiner Rolle als Vorsitzender des Ethikrates hatte sich Dabrock unlängst schon in Sachen Genome Editing zu Wort gemeldet: Für den Newsletter der Leopoldina - Nationale Akademie der Wissenschaften verfasste er den Gastbeitrag „Kulturelles Unbehagen kann nicht verboten werden“.2 Darin kreiert er eine imaginäre Gruppe („nicht wenige aus der wissenschaftlichen Community“). Von den Mitgliedern dieser Gruppe nimmt Dabrock an, dass sie das, was sie „seit Jahrzehnten im Bereich der Gentechnik, vor allem der Grünen Gentechnik, erlebt haben“, gemeint sind damit die Argumente der KritikerInnen, „vermutlich“ als „postfaktisch“ bezeichnen würden. Wer oder welches Argument aus der Gentechnik-kritischen Szene aber ist konkret gemeint? Oder bezieht er sich auf alle, die ein kritisches Wort über die Gentechnik verlieren - und auf jedes dieser Worte? Die KritikerInnen scheinen für Dabrock also nicht gleichzeitig WissenschaftlerInnen sein zu können. Außerdem beschuldigt er alle KritikerInnen, einem naiven Naturverständnis anzuhängen - diese Annahmen haben allerdings mehr mit Dabrocks Weltsicht als mit den Fakten zu tun.

Dabrock kennzeichnet die Argumente der Gentechnik-KritikerInnen per se als postfaktisch und stellt die KritikerInnen an den Pranger. Der Vorsitzende des Ethikrates hat sich damit - milde ausgedrückt - die Nichtregierungsorganisationen und Verbände, die im Bereich (Agro-)Gentechnik ihre Kritik formulieren, nicht gerade zum Freund gemacht. Dass er sich selbst und vor allen Dingen dem Amt des Ethikrats-Vorsitzenden damit einen Gefallen getan hat, darf bezweifelt werden. Der Ethikrat ist ein besonderes Gremium, das zwar nicht von allen geliebt wird, sich aber über die letzten Jahre eine Glaubwürdigkeit erarbeitet hat. Dabei spielt die/der Vorsitzende eine wesentliche Rolle, da sie oder er die Kommunikation zwischen unterschiedlichen Positionen im Rat glaubwürdig kommunizieren muss. Abgesehen davon ist in vielen Fällen der beziehungsweise die Vorsitzende das „Gesicht” des Rates. Anlass für den Beitrag im Leopoldina aktuell bot das eintägige Symposium „Brauchen wir eine neue Gentechnik-Definition?“, das Leopoldina und Deutscher Ethikrat gemeinsam mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft am 14. Februar ausgerichtet hatten.3

Dabrock erscheint vor diesem Hintergrund als mindestens unglückliche - vielleicht sogar unmögliche - Wahl für die Organisation des Dialogs des Bundeslandwirtschaftsministeriums. Allerdings ist dies nicht der einzige Kritikpunkt am Vorgehen von Ministerium und Chef-Organisator.

Welche Positionen kommen wie zu Wort? Im wissenschaftlichen Teil der Dialog-Veranstaltung konnten  vier Forschende das Genome Editing an sich und die mit ihm verbundenen Chancen für die Veränderung von Pflanzen und Tieren in schönsten Farben - zum Teil fast schon euphorisch - an die Wand zeichnen. Vielleicht trifft diese einhellig positive Darstellung sogar die Stimmung des Mainstreams in der Wissenschaft. Kritischen Stimmen blieb die Möglichkeit, aus dem Publikum heraus Fragen zu stellen und Kommentare abzugeben. Dazu ermunterte Dabrock die offensichtlich zahlreich vertretenen Gentechnik-Kritikerinnen nachdrücklich und in glaubhaft bester Absicht. Der Chef-Dialogist  des Tages war offenkundig der Ansicht, dass er einen adäquaten Raum für kritische Argumente zu den Risiken der „neuen molekularbiologischen Techniken“ anzubieten hatte. Immerhin räumte er auch Platz für detailliertere Nachfragen ein. Nichtsdestotrotz sieht ein Dialog natürlich anders aus. Verschiedene Stimmen müssen nicht nur zu Wort kommen können. Sie brauchen gleichberechtigte, ausbalancierte Räume. Es macht einen erheblichen Unterschied, ob ich in einer - zum Beispiel - zwanzigminütigen Diskussion drei Minuten mit kritischen Fragen und Kommentaren belegen darf - abhängig davon, ob der Moderator gerade den Impuls hat, meine Meinung in „seiner” Diskussion abgebildet zu sehen; oder ob ich vorher fünfzehn Minuten vom Podium herunter meine Thesen detailliert ausbreiten kann.

Wer entscheidet eigentlich über den Ablauf des Tages? Das Ministerium hat sich offenbar absichtlich weitgehend herausgehalten und Dabrock mit einer Art Universal-Vollmacht ausgestattet. Kritische Stimmen in die Vorbereitung des Tages einzubeziehen, wäre hier vielleicht eine Möglichkeit gewesen, an Glaubwürdigkeit zu gewinnen. Damit verbunden sind selbstredend die Fragen: Wer wird eingeladen und wer nicht? Beziehungsweise welche Rollen werden wie vergeben? Auch hier bleiben Fragen und Wünsche offen.

Wann findet der Dialog statt? Ein weiterer Punkt betrifft den Zeitpunkt des Dialogs. Am Ende der Legislaturperiode ist Schicksal und Relevanz des Prozesses mehr als offen. Dabrock und das Ministerium konnten notwendigerweise keine Garantie geben, dass es in der parlamentarischen Sommerpause beziehungsweise nach der Bundestagswahl weiter gehen wird.

Last but not least stellte eine Teilnehmerin der Dialog-Veranstaltung die alles entscheidende Frage: Sie fände es interessant zu wissen, was eigentlich Sinn und Zweck der Übung sei ...

Bleibt noch ein allerletzter Punkt: Formuliert eineR am Ende Kritik an dem Verfahren steht er - oder sie - als SpielverderberIn da - alle haben sich doch Mühe gegeben, miteinander ins Gespräch zu kommen. Da sind die Rollen dann wieder klar verteilt. Vermutlich wären auf beiden Seiten auch selbstkritische Stimmen angebracht - die bleiben in so einem Dialog jedoch still.

  • 1. Teil dieser Einladung waren ganz explizit auch Fragen über den aktuellen und zukünftigen Prozess des Dialoges.
  • 2. Leopoldina aktuell (Ausgabe 1/2017, Februar 2017); im Netz unter www.leopoldina.org. Der Beitrag erschien wenige Tage vor dem weiter unten genannten Symposium von Leopoldina, Deutschem Ethikrat und Deutscher Forschungsgemeinschaft.
  • 3. Siehe Quelle Fußnote 2.

Christof Potthof ist Mitarbeiter im Gen-ethischen Netzwerk und Redakteur des GID.

zur Artikelübersicht
GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
241
vom Mai 2017
Seite 25 - 26

Versprochen wird viel ...

Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) und die Interessengemeinschaft für gentechnikfreie Saatgutarbeit (IG Saatgut) kritisieren das Vorgehen der Bundesregierung. Auf der einen Seite lade Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt zum Dialog über neue Gentechnik-Verfahren ein, auf der anderen Seite schaffe sie Fakten. Bundesforschungsministerin Johanna Wanka hatte am Tag der nebenstehend beschriebenen Dialogveranstaltung die neue Förderinitiative („Nutzpflanzen für die Zukunft“) ihres Hauses bekanntgegeben. Darin stehen die neuen Gentechnik-Verfahren im Mittelpunkt. Auch einen Absatz im aktuell vorliegenden Entwurf für ein neues Gentechnikgesetz kritisieren die Organisationen. „Anstatt unkritisch in diesen Rummel einzusteigen, wäre es jedoch Aufgabe der Politik, sich vor einer kommerziellen Nutzung dieser Verfahren um eine grundsätzliche Klärung ihrer Risiken einzusetzen. (...) Wir - Bäuerinnen, Bauern und ZüchterInnen - haben aus der alten Gentechnik gelernt: Versprochen wird viel, wenn es am Ende doch gesundheitliche Gefahren bei Lebensmitteln oder Kontaminationen gibt, stehen wir am Pranger und werden zur Kasse gebeten, nicht die Konzerne. Deshalb fordern wir: Jetzt Vorsorge betreiben anstatt den neuen Techniken einen Freifahrtschein zu erteilen.“

(Pressemitteilung AbL und IG Saatgut, 28.04.17/ pau)