Die Segnungen des Gen-Shoppings

In Bremen öffneten Künstler einen Gen-Shop für humangenetische Produkte. Interessierte konnten dort mit chromo’’’soma die erstaunlichen Anwendungsmöglichkeiten und verborgenen Potenziale des wissenschaftlichen Fortschritts entdecken. Sei es bei der Partnerwahl oder dem Wunsch nach einem perfekten Baby. Der Intensivierung des Lebensgefühls oder Ihrer finanziellen Absicherung. chromo’’’somas Produkte und Dienstleistungen eröffneten neue Perspektiven für ein erfüllteres Leben. Willkommen in der Welt von chromo’’’soma.

So heißt es im Produktkatalog des Unternehmens chromo’’’soma, das am 6. September 2003 Deutschlands ersten Gen-Shop für humangenetische Produkte eröffnete. Um elf Uhr machte das neue Ladenlokal im Bremer Ostertorsteinweg seine Pforten auf. Freundlich lächelnde Mitarbeiter schenken Prosecco aus. An den Wänden hängt eine Vielzahl von Tüten aus milchigem Kunststoff. Durch die Verpackung leuchten Röhrchen mit farbigen Flüssigkeiten. Und im Schaufenster preisen Home-Shopping-Programme die Vorzüge der chromo’’’soma-Produkte an.

Die Show

"Darf ich Ihnen mal eins unserer Produkte vorstellen?" fragt Gen-Consultant Noah und nimmt eine der Tüten von der Wand. Kaum haben die ersten Kunden den Verkaufsraum betreten, ist die Beratung in vollem Gange. Noah schwärmt von neuen Errungenschaften der Gentechnologie und erklärt einer Kundin die Vorzüge von book’’’a’’’baby: "Oftmals sind Beruf und Kinderwunsch in der modernen Gesellschaft nur schwer zu verbinden. Mit book’’’a’’’baby entscheiden Sie nun selbst, wann der richtige Moment für Ihre Schwangerschaft gekommen ist. Schaffen Sie sich in aller Ruhe ein stabiles ökonomisches Fundament und bereiten Sie alles auf die Ankunft ihres Babys vor." Daneben kann man selbstverständlich auch das Geschlecht und Merkmale wie Haar- und Augenfarbe des Kindes bestimmen, wie wir von Noah erfahren. book’’’a’’’baby ist nur eins von insgesamt sechs Produkten, mit denen die Gen-Designer von chromo’’’soma die Welt beglücken. Mit gen’’’maxx kann man sein Lebensgefühl intensivieren; wenn Sie mehr über Ihre Liebsten oder Ihren zukünftigen Arbeitnehmer wissen wollen, dann ist genetic’’’horo’’’scope das Richtige für Sie.

Das Konzept

Willkommen in der Schönen Neuen Welt! - chromo’’’soma gab es wirklich. Es handelte sich um eine künstlerische Aktion, die gefördert durch die Landeszentrale für politische Bildung Bremen und die Bundeszentrale für politische Bildung vom 06.-16.09. in Bremen stattfand. Als Realsimulation sollten mit dem Gen-Shop die Debatten um Gentechnologie und Ethik aus den Feuilletons und Fachzirkeln herausgelöst werden und den Menschen in ihrem Alltagsleben begegnen. Mit dem Zugriff auf eine mögliche Zukunft wurde eine Realität inszeniert, in der die Technologie so fortgeschritten ist, dass ‚consumer genetics’ bereits ein Teil des täglichen Lebens geworden sind. Die erfundenen Produkte suggerieren dabei Möglichkeiten, die heute technisch (noch) nicht realisierbar sind, außerdem mit der geltenden Gesetzgebung in Konflikt treten oder auf bestehende Regelungslücken hinweisen. Die Produktpalette war so konstruiert, dass alle wesentlichen Aspekte der Gentechnologie und ihrer Problemlagen abgebildet und dadurch vermittelbar wurden. Fiktives und Faktisches wurden in den Produkten vermischt, um durch das Material und im Verkaufsgespräch auch wirkliche Informationen zu geben. Freilich waren in der Inszenierung ‚Sollbruchstellen’ eingebaut. Für aufmerksame Betrachter gab es Anhaltspunkte des Zweifels. Es fehlte die Rechtsform des Shops, ironische Brüche und tendenzielle Überzogenheiten sollten irritieren und zu weiteren Überlegungen anregen. Einerseits sollten durch den Shop in der alltäglichen Lebenswelt intensive Diskussionen innerhalb der Bevölkerung ausgelöst werden. Andererseits fungierte der Shop als ‚Feldversuch’, der Erkenntnisse über eine allgemeine Akzeptanz und Verständnis von Gentechnologie liefern sollte, die in den parallel laufenden internationalen Kongress ‚Gute Gene, schlechte Gene’ (15.-17.09.03, ebenfalls veranstaltet von der Landeszentrale für politische Bildung Bremen und der Bundeszentrale für politische Bildung) einflossen.

Der Verlauf

Der Eröffnungstag – durch Promo-Aktionen und Prosecco unterstützt - erwies sich bereits als Erfolg. Der Shop wurde als Shop wahrgenommen. Viele Besucher ließen sich beraten, etliche nahmen Produkte mit nach Haus. Auch kritisch eingestellte Passanten: "Was, Genprodukte, will ich nichts mit zu tun haben!", bestätigten den Shopcharakter. Eine Minderheit, zumeist Besucher mit einschlägiger Vorbildung wie beispielsweise Labortechniker, durchschaute die Inszenierung. Als analytische Momentaufnahme kann man ungefähr folgende Aufteilung machen: 30 Prozent der Passanten waren eher ablehnend, 30 Prozent standen dem Angebot diffus gegenüber oder durchschauten die Show, 30 Prozent ließen sich aufgeschlossen und vorbehaltslos auf Produkte ein. Ein beachtliches Marktpotential. Durchgängig war eine breite Debatte im Umfeld des Shops zu beobachten. Gastwirte umliegender Lokale berichteten uns von heftigen Debatten, uns erreichten Mails und Anrufe. Die Spekulationen bewegten sich zwischen ‚getarnter Großkonzern-Kunstaktion-Sekte’. Die politisch-bildnerische Absicht einer ‚Diskursverflüssigung’ ist aufgegangen. In der zweiten Wochenhälfte erhöhte sich durch Mund-zu-Mund-Propaganda und Medienberichte der Anteil an Shopbesuchern, die über den Kunstcharakter informiert waren und mit uns diskutieren wollten. Wir bemerkten durchgängig positive Resonanz und allgemeine Bestätigung der Relevanz des Themas. Trotz des Anstiegs informierter Besucher war bis zum Schluss immer noch die Hälfte unserer Kunden noch nicht über unseren wahren Hintergrund informiert. Erwähnenswert sind auch die Besucher, die Freunde mitbrachten, um deren Reaktion zu testen.

Die Befunde

Zentrale Ergebnisse der Simulation waren: Der Kenntnisstand über ‚Humangentechnik’ ist in weiten Bevölkerungsteilen sehr fragmentarisch und wird durch die seit Jahren verschlagworteten Erfolgsmeldungen geprägt. Da die Medien oftmals komplexe und hochgradig relative Forschungsergebnisse auf sehr einfache Formeln wie "Todesgen entdeckt!" oder "Gentechnik besiegt Krebs!" herunterbrechen, erzeugt dies bei vielen Menschen eine hohe Gläubigkeit und dumpfe Ahnung, dass dauernd und rasant Naturschranken fallen. Im Shop selbst zeigte sich dieser Sachverhalt prägnant: Viele ‚Kunden’ ergänzten die spielerischen und fiktiven Anpreisungen der Verkäufer mit Statements wie: "Ja, habe ich auch schon gelesen!", "Habe ich schon gehört." oder: "Ach, das geht j e t z t schon?". Ein Kernbefund der Simulation ist: Es herrscht ein sehr vereinfachtes und durchgängig kausalmechanisches Verständnis der Genetik vor. Ein Gen hier, schwupps, dort die Wirkung! Besonders deutlich wurde das an dem Produkt genetic’’’horo’’’scope. Für die überwiegende Zahl der Kunden ist es ausgemachte Sache, dass Charaktereigenschaften, Persönlichkeitsstrukturen auf den Genen liegen und mithin testfähig sind. Weder irritierte der von den Verkäufern geäußerte Wahrscheinlichkeitsgrad der Tests; selten gab es Bedenken, ob man die Ergebnisse überhaupt wissen wolle. Die Chance, das ‚wirkliche’ Profil von sich selbst, seinen Kindern oder Partnern zu erfahren, wird durchgängig begrüßt. Ebenfalls sehr selten waren Überlegungen zu ethischen oder juristischen Problemen, die aus den Produkten erwachsen. Bei den Passanten bestand kaum Kenntnis über die Rechtslage und die in den Feuilletons doch geführten ethischen Debatten. Kurzum: Es besteht Aufklärungsbedarf über die ‚wirklichen’ Abläufe, Potentiale und besonders die Unmöglichkeiten gentechnischer Forschung. Ein gewiss wichtiges Feld ist die Thematisierung im schulischen Bereich. Wünschenswert wäre, ‚Genetik’ nicht allein dem Biologieunterricht zu überlassen, sondern auch in gesellschaftskundlichen Fächern das Thema kritisch zu bearbeiten. Sicherlich sinnvoll wäre auch, auf die Medien einzuwirken, auf das Herausposaunen vermeintlich bahnbrechender Neuigkeiten zu verzichten und zu differenzierter Berichterstattung überzugehen. Unsere Erfahrungen gaben uns auch Hinweise darauf, dass der jeweilige Mensch in seinen Einstellungen differiert. Das heißt, wir hatten den Eindruck, würde man die Person zu Hause über ,Gentechnik’ befragen, so würden gewiss Vorbehalte und Befürchtungen geäußert werden. In der Shopsituation, konkreten und sehr "hilfreichen" Produkten gegenüber, begleitet durch freundliches Personal, reagiert die Person anders, offener und sieht etwaige für sie bestehende Chancen.

Schlafend auf dem Rücken des Tigers

Ein wesentliches Moment unserer Inszenierung und der Akzeptanz sind die eingeschliffenen Formen marktwirtschaftlicher Warendistribution und Wunschproduktion. Ein Shop - Produkte - Verkäufer: Universelle, total alltägliche, zweitnatürliche Formen, die sofort bei den Menschen das Gefühl erzeugen: Das ist echt, das ist sicher, das ist legal. Ein Seitenaspekt ist die Möglichkeit für Scharlatanerie. Unser Shop hat gezeigt, dass der Markt existiert; Gentechnik ist für eine ausreichend große Bevölkerungsgruppe unproblematisch, vorbehaltslos, sogar hip. Kluge Geschäftemacher können dort ansetzen und Produkte vertreiben, die vielleicht nichts schaden, aber auch nichts nutzen. Es wäre nur eine Frage der juristischen Formulierungen im Kleingedruckten. Letztlich sind ja auch ganze Regale in Reformhäusern voll mit Placebos. Es gehen bereits die ersten Privatkurkliniken dazu über, Gentests zur angeblich besseren Ernährungsabstimmung anzubieten. Ein spekulatives Schlusswort: Wir sollten uns nichts vormachen. Wir können hierzulande beliebig oft ethische Debatten führen, feinsinnige Argumente der Letztbegründung austauschen - als Gattung sind wir längst Bestandteil eines Experiments. Selbstverständlich darf man den wissenschaftlich-technologischen Fortschritt nicht überschätzen; aber auch nicht unterschätzen. Ethik? Der Konkurrenzkampf der Nationen untereinander um Marktvorteile und Wissenschaftler wird jedwede Debatte, die isoliert um Ethik und Gentechnik kreist, zur Folklore herabsetzen, die in einigen Ländern dann von Räten und Kommisionen standorttauglich verwaltet wird. Die Menschheit liegt immer noch schlafend auf dem Rücken eines Tigers.

Erschienen in
GID-Ausgabe
160
vom Oktober 2003
Seite 37 - 38

Alf Thum ist freier Konzeptionist und Künstler, Leipzig.

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Torben Jansen studiert in Leipzig Kulturwissenschaften.

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