Rezension: Reproduktive Autonomie und Verantwortung

Verständlich geschrieben und klar verortet in westeuropäischen Lebenszusammenhängen denken Barbara Bleisch und Andrea Büchler kritisch über die neuen Möglichkeiten der Reproduktion nach und was diese für Menschen mit Kinderwunsch bedeuten. Am Anfang jedes der sieben Kapitel liefern Zitate Vorgeschmäcker auf verschiedene Perspektiven und konkurrierende Werte, die sich um Kinderwünsche ranken. Die Expertisen der Philosophin Bleisch und der Rechtswissenschaftl­erin Büchner ergänzen sich gut und ihre Blicke reichen über die Grenzen ihrer jeweiligen Disziplin hinaus. Vom Kinder wollen – oder auch nicht wollen – bis zum Eltern werden greifen sie die kontroversen gesellschaftspolitischen Debatten und individuellen Ambivalenzen auf. Was früher als schicksalhaft galt – sei es ungewollte Kinderlosigkeit oder die Geburt eines Kindes mit Behinderung – rückt durch gen- und reproduktionstechnologische Entwicklungen immer weiter in den Bereich des Mach- und Kontrollierbaren. Reproduktive Autonomie wird als Leitidee vorgestellt, jedoch direkt mit der Frage verknüpft, ob die Bedingungen für autonomes Entscheiden strukturell und machtpolitisch überhaupt gegeben sind und mit welcher Verantwortung diese Freiheit womöglich einhergeht. So wird ein zugänglicher Überblick verschafft, zu dessen Gunsten allerdings eine umfassende Darstellung und Diskussion kritischer Stimmen zum Ausbau und zur Normalisierung von präimplantations- und pränataldiagnostischen Untersuchungen eher kurz kommt. Ähnlich verhält es sich mit der Betrachtung von „Eizellspende“ und „Leihmutterschaft“. Die Autorinnen präsentieren keine fertigen Lösungen, sondern werfen vor allem Fragen auf, die letztlich von den Leser*innen individuell weitergedacht, abgewogen und beantwortet werden können. Sowohl für die persönliche Reflexion des eigenen Kinderwunsches als auch, um sich politisch mit dem komplexen Thema der Reproduktion (weiter) auseinanderzusetzen, liefert das Buch viele Denkanstöße.

➤ Bleisch, B./Büchler, A. (2020): Kinder wollen – über Autonomie und Verantwortung. 304 Seiten, Hanser Verlag, 22 Euro, ISBN 978-3-44626-575-2.

 

Taleo Stüwe ist Mediziner*in und Mitarbeiter*in des GeN.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
256
vom Februar 2021
Seite 37

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