In Bewegung

Berichte, Empfehlungen & Termine

Der blanke Horror: eine schaurige Podiumsdiskussion

Berlin war am 31. Oktober 2025 voll von Halloween-Gestalten – alt wie jung. Auf den dunklen Wegen zur Regenbogenfabrik erwartete ich jedoch einen kritischen Umgang mit einem ganz anderen Horror unserer Zeit: Pronatalismus – ein Wiedergänger der Biopolitik von feinster Widerlichkeit. Akademisch, ja „nerdig“ werde es, auch politisch, denn das GeN lud ein. Vorfreude machte sich breit. Nach langer Zeit nutzte ich diese Gelegenheit für ein Wiedersehen im Netzwerk. Mich empfingen ein dunkler Saal und eine operationstechnische Assistentin mit blutunterlaufenen Augen. Stimmt, Verkleidungen waren in der Einladung gewünscht gewesen. 

Dann ging es los: Humor, Ironie, Transparenz im Anliegen und engagiertes Informieren waren die Werkzeuge dieses Abends. Kollegiales Wiedersehen traf auf mein Bedürfnis nach einer Öffentlichkeit im Widerstand zu Rassismus, Eugenik, Menschenzucht und faschistischen Ideologien teilzunehmen. Kommunikative Fachlichkeit und Klarheit der Diskussionsgäst*innen sorgten für wenig Nachfragen und regen Austausch. Und ein Publikumspreis fürs beste Kostüm ging an das elegante Gendersternchen. Danke für solch einen schaurig-schönen Abend in Kreuzberg – davon brauchen wir mehr! (Torben Klußmann, GeN-Mitglied)

 

Schwere Kost: Auseinandersetzung mit (Neo-)Eugenik

Am 8. November 2025 fand das Onlinetreffen vom Netzwerks gegen Selektion durch Pränataldiagnostik und dem #NoNIPT-Bündnis statt. Claudia Heinkel berichtete über in die aktuellen Entwicklungen bei der Inanspruchnahme des Bluttests auf Trisomien und zeigte anhand jüngster Abrechnungsdaten Alarmierendes auf, was den ca. 40 Teilnehmenden einmal mehr den akuten Handlungsdruck verdeutlichte. Die Kampagnen-AG informierte über den aktuellen Stand bei einem zweiten Anlauf zu einen Bundestagsantrag für ein Monitoring, ergänzt durch einen Videobericht von Stana Schenck und Arthur Hackental von der Initiative „PoliTisch leicht“ zum Ansprachetraining in leichter Sprache – denn im Parlament gilt es noch Überzeugungsarbeit zu leisten.

Zudem wurde auch dieses Mal ein Fokusthema beleuchtet. Hierfür hatte sich Prof. Dr. Karin Michel von der Evangelischen Hochschule Bochum dankenswerterweise bereit erklärt, einen inhaltlichen Impuls zu geben. Unter dem Titel „Autoritäre und liberale Eugenik. Neo-eugenische Konzepte im Rechtspopulismus/Rechtsextremismus in Deutschland“ lieferte sie auf eindrückliche Weise einen sehr aktuellen Überblick zum Fortleben eugenischen Denkens in der (extremen) Rechten in Deutschland und zeigte unterschiedliche Entwicklungslinien und Argumentationsmuster auf: von völkischer Ideologie über christlich-fundamentalistische bis hin zu wirtschaftsliberalen Strömungen, von der AfD über Organisationen wie die Deutsche Gesellschaft zum Schutz von Tradition, Familie und Privateigentum e. V. (TFP) bis hin zu Donald Trump und Tech-Milliardären. Die anschließende Austauschrunde fiel etwas zurückhaltend aus – angesichts des düsteren Ausblicks war dies aber auch wenig verwunderlich. Am Thema dranbleiben wollten aber alle. (jl)

 

Wir haben es satt: Demonstrieren & diskutieren

Gemeinsam mit 8.000 Demonstrierenden und rund 60 Organisationen forderte das Gen-ethische Netzwerk (GeN) im Januar auf der jährlichen „Wir haben es satt!“-Demonstration in Berlin eine gemeinwohlorientierte Agrarpolitik. Bäuer*innen, Verbraucher*innen und Aktive der Umwelt-, Tier- und Klimaschutzbewegung setzten sich für eine bäuerlich-ökologische Landwirtschaft ein. Die Rednerinnen verurteilten die agrar- und ernährungspolitischen Rückschritte der Bundesregierung, sei es bei der Tierhaltung, beim Umgang mit Düngemitteln oder den Kürzungen für die Entwicklungszusammenarbeit. Auch die Kritik an der drohenden Deregulierung von neuer Gentechnik und Pestiziden in der EU trugen wir lautstark auf die Straßen. An einem Infostand machten wir gemeinsam mit unseren Partner*innen vom Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), der IG Saatgut und Save Our Seeds die Demonstrierenden auf laufende Online-Aktionen gegen die Gentechnik-Deregulierung aufmerksam. Beim anschließenden Fest der Agrarwende in der Heinrich-Böll-Stiftung hielt GeN-Expertin Judith Düesberg vor vollem Saal einen Vortrag über die Folgen einer Abschaffung der Risikoprüfung und der Kennzeichnungspflicht bis zum Endprodukt. Zudem diskutierten Judith Düesberg, Sinay Gandenberger vom BÖLW und Barbara Endraß von der AbL in einem Workshop mit mehr als 30 Teilnehmer*innen darüber, wie man mehr Aufmerksamkeit erreichen kann. Ein Ergebnis war: die Thematik im eigenen Verein oder Verband voranzutreiben, um für möglichst viel Protest zu sorgen. (lt)

 

Ausgezeichnet

Das Gen-ethische Netzwerk erhielt im Dezember den MITWELT-PREIS 2025 für seinen Einsatz gegen die drohende Deregulierung, „weil im Europaparlament in Sachen Gentechnik gerade alle Dämme brechen und eine marktradikale, umweltfeindliche Deregulierung den bisherigen Verbraucher*innenschutz beendet“. Für die besondere Anerkennung und das Preisgeld in Höhe von 2.500 Euro möchten wir uns ganz herzlich bedanken bei Axel Mayer und Barabara Schmidt von der Mitwelt Stiftung Oberrhein. Sie setzen sich unermüdlich für Demokratie, Umwelt und milliardärsunabhängige Pressefreiheit ein. Werte, die wir uneingeschränkt teilen und für die wir uns – bestärkt durch die Auszeichnung – auch in diesem Jahr engagieren. Herzlichen Dank und solidarische Grüße für ein neues kämpferisches Jahr nach Endingen! (lt)

 

 

Empfehlungen 

Kritischer Agrarbericht

Statt einer Agrar- und Ernährungswende droht ein Rückschritt: Unter dem Deckmantel „Bürokratieabbau“ werden zentrale Regeln in Umwelt-, Verbraucher*innen- und Tierschutz infrage gestellt. Die 33. Ausgabe des kritischen Agrarberichts zeigt, was auf dem Spiel steht. Zudem diskutiert er, wie Verständigung und Reformen jetzt noch gelingen können.

AgrarBündnis (2026): Der kritische Agrarbericht 2026. Online: www.kritischer-agrarbericht.de.

 

Finger weg von meiner DNA!

DNA ist überall – und sie verrät mehr, als wir im Zweifel wollen. Während die Polizei DNA-Analysen ausweitet, wachsen Risiken von Fehlern, Überwachung und Diskriminierung. Wissen über die Technik und die eigenen Rechte schützt unsere intimsten Daten. Mit einer neuen Online-Kampagne bietet das Gen-ethische Netzwerk e. V. in Kooperation mit der Roten Hilfe e. V. und der Wau Holland Stiftung Aufklärung und Verhaltenstipps.

 www.fingerwegvonmeinerdna.de

 

Ökonomie der Leihmutterschaft

In ihrem Report zeichnet Soziologin Amrita Pande Entwicklungen auf dem kommerziellen Leihschwangerschaftsmarkt nach. Dabei gelingt es ihr, die Dynamiken dieses wachsenden und anpassungsfähigen Sektors sowie die Rolle von Verboten und Gesetzeslücken herauszuarbeiten. Eine unverzichtbare Analyse für alle, die sich gegen reproduktive Ausbeutung einsetzen! 

Pande, A. (2025): Mapping Global Surrogacy – Care Brokers and the Politics of Supply. Online: www.boell.de.

 

 

Termine

1. März – München (Bayern)

Das 8. Münchener Saatgut-Festival  im Ökologischen Bildungszentrum findet am ersten Märzsonntagstatt: mit großem Markt für samenfeste Kultursorten und zahlreichen Infoständen rund um das Thema Saatgutvielfalt und Urban Gardening. GeN-Expertin Judith Düesberg wird um 14 Uhr einen Vortrag zum Thema „Gentechnik im neuen Gewand – Bedrohung von Transparenz, Entscheidungsfreiheit und Koexistenz“ halten.

www.oebz.de/saatgutfestival

 

7. März – Berlin

Gegenmesse zu „Wish for a baby“ verschoben auf Herbst 2026

 

14. März – Oderaue (Brandenburg)

Die Tauschbörse für Saatgut und Pflanzen des Theaters am Rand im Märkischen Oderaue beginnt um 13 Uhr. Im Zentrum stehen alte, lokal angepasste Sorten. Zudem gibt die Theatergärtnerin Ute Boekholt Besucher*innen praktische Tipps fürs Gärtnern und GeN-Expertin Judith Düesberg informiert über die drohende Deregulierung neuer Gentechniken in der EU.

www.theateramrand.de/spielplan/tauschboerse

 

 

 

Erschienen in
GID-Ausgabe
276
vom Februar 2026
Seite 4 - 5

Die GID-Redaktion

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