Wir haben es satt!

Ein Demonstrationsbericht

22.000 Demonstrantinnen und Demonstranten haben am 22. Januar in Berlin ein regelrechtes Feuerwerk für einen Wechsel in der Agrarpolitik abgeschossen. Gegen Gentechnik, gegen Massentierhaltung, gegen Dumping-Exporte und für eine bäuerliche und ökologische Landwirtschaft.

Heutzutage telefoniert man sich ja gerne zusammen. Und so war es kein Wunder, dass es am Anfang des Demonstrationszuges von überall zu hören war: „Wir stehen hier vor dem Bahnhof ... na, wenn du rauskommst, dann rechts ... welche Richtung raus? Das weiß ich doch nicht ... ich trage ein Banner, da steht (unverständlich ) drauf ...” Viele, nein, sehr viele Menschen waren gekommen. Kaum eineR konnte es so richtig fassen, denn schnell war klar, dass es deutlich mehr waren als die erwarteten Fünf- bis Zehntausend. Über einhundert Gruppen, Organisationen, Vereine und Verbände, Initiativen, Parteien und Unternehmen hatten zu der Demo anlässlich der Internationalen Grünen Woche und des Internationalen Agrarministertreffens, des so genannten Agrar-Davos, aufgerufen. Mit ihrem Aufruf hatten es sich die Veranstalterinnen und Veranstalter nicht leicht gemacht - Querschnittthemen sind bekanntlich schwer zu vermitteln. Aber die Dinge haben miteinander zu tun: Landwirtschaft mit fairen Preisen (im Norden wie im Süden) mit ausreichend Nahrung für eine wachsende Weltbevölkerung mit Umwelt- und Naturschutz mit der Industrialisierung der Produktionsorte mit dem aktuellen Dioxinskandal mit Tierschutz in der (Massen)-Tierhaltung mit Klimawandel mit Überbevölkerung mit Agro-Gentechnik mit Patentierung und Privatisierung von Pflanzen und Tieren, Genen und Genprodukten mit dem Verlust von Artenvielfalt mit dem Streit um den Sprit vom Acker mit dem Rückgang der Anzahl der Schweinemäster mit Börsen-Spekulationen mit Agrarrohstoffen und Land und mit den Hartz-IV-Protesten ...

„Erst kommt das Fressen, dann die Moral”

So hat es das Erwerbslosen-Bündnis Krach schlagen statt Kohldampf schieben! auf den Punkt gebracht und erklärt in der Folge, warum Erwerbslose auch zu der Demo für eine andere Agrarpolitik nach Berlin gekommen sind. Bei 3,94 Euro Regelsatz pro Tag und Erwachsenem bleibt nur der Weg zum Discounter. Was folgt sind Preiskrieg, unfaire Wirtschaftsbeziehungen und elende Lebens- und Arbeitsverhältnisse. Aber die Erwerbslosen wollen „nicht als Rechtfertigung für eine menschenfeindliche, naturzerstörerische Lebensmittelproduktion missbraucht werden”. Rhetorischer Missbrauch findet auch an anderer Stelle statt, soviel ist klar: Die Handelskonzerne schieben die VerbraucherInnen vor - diese wollten billiges Essen. Die Politik argumentiert mit der wachsenden Weltbevölkerung. Der Bauernverband steckt in den tiefen Gräben seiner Verstrickung mit der Agrarindustrie fest. Das alles hatten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Demo satt! Aber an einem Tag wie diesem ist es nicht die Aufgabe, die tausend Fragen zu beantworten. Demonstrationen sind Signale und sie leben durch Bilder; diese dürfen, müssen und sollen klar und einfach sein. Wie zum Beispiel das Bild der Brüsseler Agrar-Bürokraten, die an der Marionetten-Angel einer Lobbyistin zappeln und Milchpulver auf arme schwarze Hungernde schleudern - auf dem Anhänger eines Traktors als Endlos-Theater von der jungen Arbeitsgemeinschaft für bäuerliche Landwirtschaft unmissverständlich auf die Bühne gebracht. Und die Demonstration lebt durch die mitgebrachten Botschaften, Klagen und Wünsche:
„FRUCHTFOLGE UND MIST STATT GENTECHNIK UND CHEMIE”
„MERKEL UND MONSANTO MAUERN MIT BASF GEGEN FREIE BAUERN GENMANIPULIERT, PATENTIERT, ABKASSIERT?”
„EIN BAUER OHNE SAATGUT IST WIE EIN KÖNIG OHNE LAND!”
„WEITER WIE BISHER IST KEINE OPTION”
„HASSLEBEN - FÜR BAUERNHÖFE STATT AGRARFABRIKEN”
„ISS‘ DICH DOCH SELBST” (ALS HUHN KÖSTÜMIERTER DEMONSTRANT)
„KEIN PATENT AUF LEBEN!”
„KAPITALISTISCHE PROFIT-WIRTSCHAFT GEFÄHRDET IHRE GESUNDHEIT”
„BITTE HÖREN SIE AUF, JEDEN MÜLL ZU ESSEN”
„BAUER SUCHT FRAU”
„WE EAT THE WORLD”
„ESST MEHR NAZIS” „BIOTECHNOLOGISCHE AGRAR SCIENCE FICTION - BASF STOPPEN!”
Am Ende kann eine Demonstration das alltägliche Engagement nicht ersetzen - soll es aber auch nicht. Und das war für mich der besondere Eindruck dieser Demonstration. Sehr viele auf der Demonstration sahen eben genau danach aus: Nach alltäglichem Engagement irgendwo zwischen Alpen und Usedom - für bäuerliche Landwirtschaft oder gegen eine Agrarfabrik. Gegen Patente oder für die faire Milch. Mit ihnen allen wird noch zu rechnen sein.
Mehr Bilder, Links und Dokumente im Netz unter www.gen-ethisches-netzwerk.de/2011/gen/wir-haben-es-satt.

Christof Potthof ist Mitarbeiter im Gen-ethischen Netzwerk und Redakteur des GID.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
204
vom Februar 2011
Seite 28 - 29