Mais und Land
Mais ist mehr als nur eine Pflanze, die man essen kann
Aus der Perspektive von indigenen Gemeinden ist der Mais in Gefahr. Mit der fortschreitenden kommerzialisierung seines Anbaus und der Entwicklung transgener Sorten droht er sein Wesen zu verlieren. Dieses lässt sich nicht auf die Ernte einer Frucht begrenzen. Es geht um das fundamentale Verhältnis indigener Gemeinschaften zur Pflanze Mais, die auf vielfältige Weise im Zentrum ihres Lebens steht.
Wird in dem indigenen Volk der Wixárika (Huichol, Wirrá'ika - siehe Kasten), einer indigenen mexikanischen Ethnie mit etwa 15.000 bis 20.000 Angehörigen, von Mais gesprochen, dann geht es, ebenso wie in anderen alten Kulturen Mexikos, um die ruhige gemeinschaftliche Arbeit auf dem Feld und in der Familie. Auf behutsame Art und Weise erhalten die Wixaritari seit tausenden von Jahren das Erbe, welches ihnen ihre Vorfahren mitgegeben haben. Es existiert nichts Wichtigeres in dem Leben der Wixaritari als ihre Beziehung zum Mais. Sie säen den Mais, ernähren sich vom Mais und schützen den Mais. Als die Gefahren für das „heilige Wesen Mais” und somit auch für „die Völker des Mais” anfingen, begann sich diese wundersame Pflanze zu Wort zu melden. Auf Versammlungen in den Gemeinden, in den Ortschaften und organisierten Gruppen, organisiert von der großen Versammlungen der Wixárika, wurde die allgemeine Situation besprochen, es wurden Abkommen getroffen und Aktionen geplant, um ihre kleine Tochter, ihre heilige Pflanze Mais zu verteidigen.
Der Mais ist heilig
In den Gemeinden der Wixaritari steht der Ausdruck „Mutter Mais” (Tatei Niwetzika) für die kollektive Arbeit in der Familie und der Gemeinschaft. Es wird gemeinsam gesät, Unkraut gejätet, gejagt, geerntet, es werden gemeinsam Zeremonien abgehalten, die Kolben werden entkernt und die Küche organisiert. Der Mais wird als Person gesehen, die denkt, redet und versteht. Sie ist die Tochter der „Mutter Erde” (Tatei Yurienaka), wie sie von allen indigenen Gemeinden Mexikos in unterschiedlichen Sprachen genannt wird. An sie müssen Opfer erbracht und Abgaben geleistet werden, für das Leben im allgemeinen und für die Lebensgrundlage im Zusammenleben der Gemeinde. In den indigenen Gemeinden ist die Tradition das Wichtigste. Das Zentrale im Leben ist die Zeremonien zu verrichtet, die in enger Verbindung mit dem Lebenszyklus des Mais stehen, wie zum Beispiel die Segnung des Saatguts, die Aussaat und das Bitten um Regen.
Der Mais und die Aussaat
In den Zeremonien, den Versammlungen, Arbeitsgruppen, Treffen und Foren, innerhalb und ausserhalb der Gemeinden, wurde die Situation des Mais analysiert und besprochen, Abkommen wurden getroffen. Vor allem die Probleme der Milpa (traditionelle Form des Anbaus in Mexiko, in welcher ein Stück Land über das gesamte Jahr und teilweise gleichzeitig mit verschiedenen Pflanzenarten bestellt und von einer Person (beziehungsweise einer Familie - Anmerkung des Übersetzers) bearbeitet wird und das, was mit ihr verloren geht, war Thema. Die Angriffe auf den Mais sind eine echte Gefahr für die Menschen. Aus diesem Grund müssen wir seine Kultivierung verstärken. Die Milpa ist eine Gemeinschaft. Auf ihr leben zahlreiche Nutzpflanzen zusammen, welche sich ergänzen und unterstützen. Einige dieser Begleitpflanzens der Maiskulturen (coamil) sind beispielsweise: Bohne, Kürbis, Amarant, Salbei, Tomate, Zuckerrohr, Hirse, Chili, Wassermelone, Gurke, gelbe Blume und Huitlacoche (ein Pilz, der den Maiskolben befällt und als Delikatesse gilt - Anmerkung des Übersetzers). Die Vorteile, die eine sorgfältig bepflanzte Milpa bietet, sind vielfältig. Mit der Durchführung der Arbeiten in der Gemeinschaft wird sichergestellt, dass kein traditionelles Wissen, vor allem die Milpa betreffend, verloren geht. Die Familien helfen sich untereinander beim jäten, der Aussaat, der Jagd (caza) und beleben somit die Traditionen, die helfen den Mais zu bewahren und mit ihm zu leben. Diese Art auf der Milpa zu arbeiten, begünstigt darüber hinaus weitere wild wachsenden Nutzpflanzen sowie medizinisch nutzbare Pflanzen, welche die Mutter Erde uns schenkt und welche eine abwechslungsreiche Ernährung, Gesundheit und den Schutz des Bodens sicher stellen. Die gemeinschaftlich verrichtete Arbeit existiert nahezu in allen indigenen Gemeinden Mexikos. Sie wird nicht nur für landwirtschaftliche Zwecke und bei der Pflege der Traditionen eingesetzt, sondern auch beim Häuser- und Zaunbau sowie bei weiteren nützlichen Arbeiten, die helfen, die Unabhängigkeit der Gemeinden sicher zu stellen. Die traditionelle Arbeit erhält das detaillierte Wissen über die Pflege des Saatgutes: der Moment der Aussaat, die Ernte und das Entkernen der Kolben, der Tausch und der Lagerung der Kolben und jeden einzelnen Korns. Dieses Vorgehen hat es nicht nur erlaubt, den Mais zu schützen und zu erhalten. Auch die Gemeinschaft wird erhalten, weil sie über eine die eigene Versorgung sicherstellende Subsistenzwirtschaft die Möglichkeit zur Selbstverwaltung besitzt. (…) Seit dem Jahr 2002 gibt es eine große Mobilisierung in der indigenen Bevölkerung, unter den Bauern, den Nichtregierungsorganisationen und an den Universitäten. Alle haben wir uns zusammengefunden, um die Frage zu klären: „Was wird mit dem Mais passieren?” Wir trafen uns, weil die Gefahr des Verschwindens der ursprünglichen Sorten des Mais besteht. Die Gefahr liegt in der Kontamination unserer Felder mit gentechnisch verändertem Mais, wodurch die heimischen Maissorten in transgene Maissorten umgewandelt werden würden. (…)
Privatisierung des Bodens
Die Privatisierung des Bodens bricht in fundamentaler Weise mit dem gemeinschaftlich organisierten Zusammenleben und Arbeiten in den Gemeinden und führt zu Prozessen der Individualiserung in der Landwirtschaft. Die Möglichkeit um die Anerkennung der kollektiven Bewirtschaftung innerhalb der indigenen Gemeinden zu kämpfen und die Freiheit, über die Art und Weise der Nutzung des Bodens selber zu entscheiden, wird dadurch komplett zerstört. Der Boden hat keinen Preis, weil der Boden uns auf ewig Leben schenkt. Doch mit der Verteilung des Bodens auf Einzelne wird die Gemeinschaft geschwächt und es kommt zum Verkauf oder zur Verpachtung. Es wird versucht das Gemeindeleben in ein System, bestehend aus einzelnen Produzenten und Konsumenten, umzuformen. Gesucht werden Arbeitskräfte für die Unternehmen, um sie in den Billig-Fabriken, den so genannten Maquilas, zu beschäftigen. Es wird versucht das gemeinschaftliche Leben der Menschen umzuwandeln, um aus den Leuten Sklaven auf ihrem eigenen Grund und Boden zu machen. (…)
Genbanken
Staatliche und private Untersuchungen über den Mais in Mexiko folgen nur ökonomischen Interessen. Es besteht so ein Angriff auf das Wissen derer, die über Jahrtausende wussten, wie ihr eigener, lokal gezüchteter Mais, welcher als heilig gilt, bewahrt werden kann. Ziel der Studien ist es, den Mais für pharmazeutische Zwecken auszunutzen oder gentechnisch zu verändern. Deswegen ist der einzige Ort, an welchem der Mais sicher ist und gegen Gefahren verteidigt werden kann, jede einzelne seiner heiligen Stätten, an welchen er wachsen und gedeihen kann. Dort wächst er gemeinsam mit seinen Familien, die ihn kennen und die mit ihm sprechen können, um uns später von ihm zu berichten. Es handelt sich um eben diese Gemeinden, in welchen die Geschichte des Mais liegt, welche uns hilft uns zu erinnert an welchen Orten er wächst und wo er enstanden ist.
Übersetzung: Kai Bentlage
Pepe Godoy Berrueta
Yéssica Alquiciras
Wixárika (Huichol, Wirrá'ika)
Die Huicholen (in ihrer eigenen Sprache Wirrá'ika, Plural: Wirrá'itari, das heißt „Heiler“, „Zauberer“) sind eine indigene mexikanische Ethnie mit etwa 15.000 bis 20.000 Angehörigen. Ihr Siedlungsgebiet liegt in der Sierra Madre Occidental im unwegsamen Berggelände des nord-westlichen Zentralmexiko vor allem in den Bundesstaaten Jalisco und Nayarit, zum kleineren Teil auch im Südosten von Durango und Zacatecas. Die Huicholen leben sehr zurückgezogen als Bergbauern und Jäger in einem durch Schluchten und tief eingeschnittene Canyons äußerst unwegsamen und klimatisch abwechslungsreichen Teil der Sierra und sind dadurch einer der letzten von der Zivilisation wenig berührten Ureinwohnerstämme Mexikos.
(Kai Bentlage)
Quelle: Wikipedia, Online-Enzyklopädie, abgerufen am 29.07.07.
Ohne Mais kein Land
Vor 24 Jahren konzipierte Guillermo Bonfil die Ausstellung “Der Mais – Fundament der mexikanischen Kultur” im Museo Nacional de las Culturas Populares in Mexiko. 20 Jahre später wurde seine Idee mit einer neuen Austellung mit dem Namen “Ohne Mais – kein Land” (Sin maíz no hay país) erneut aufgegriffen. Im folgenden übersetzen wir eine Auswahl aus den Texten zur Ausstellung.
(…)„Der Mais ist die Wurzel und das Fundament derjenigen Kulturen, die dort erblühen, wo heute Mexiko ist. Der Mais besteht mit uns. Er ist das historische Fundament unserer Kultur und der unfehlbarer Gefährte der Heldentaten und Missgeschicke in unserer Vergangenheit. Er steht gleichwohl für unsere Gegenwart und ist der Schlüssel für unsere Zukunft. Er hat einen zentralen Platz im alltäglichen Leben. ist eine Königin ohne Rivalen in unserer Ernährung. Er beschäftigt Millionen von Personen, die ihn anbauen, vermarkten oder verarbeiten und die um ihn herum Aktivitäten und Feste organisieren. Für viele andere ist er Quelle der Inspiration, was in eine Vielzahl von für ihn und durch ihn geschaffenen Kunstwerken mündet.(...) Aus Mais die Basis für ein kulturelles und politisches Projekt zu erschaffen, so wie es heute von vielen MexikanerInnen gefordert wird, bedeutet weder, sich in die Vergangenheit zu flüchten, noch uns in unseren Traditionen und Gebräuchen einzuschließen. Es bedeutet, von ihm zu lernen, den Boden unter den Füßen wieder zu gewinnen und fest verankert in unserer Geschichte einen neuen, einen eigenen Weg zu gehen. Wir werden uns nicht in uns selbst verschließen. Der Mais symbolisiert auch einen radikal neuen Umgang mit der restlichen Welt. In einer Zeit, in der eine Isolierung und Abschottung unmöglich geworden ist, wird er den Weg zeigen, sich zivilisiert mit dem Fremden und anderen Kulturen auszutauschen.
Vielfältige Nutzung des Mais
Nichts was von der Maispflanze kommt wird weggeworfen, alles was auf der Milpa wächst, wird genutzt. Für die Samenkörner, die Blätter, die Stängel, die Ähren, die „Olote“ bis hin zum Wasser des „Nixtamal“ gibt es eine spezifische und ganzheitliche Nutzung um bestimmte kulturelle und soziale Bedürfnisse zu befriedigen. Die Ähre wird benutzt, um daraus Tamales zu machen. Der Maiskolben wird als Ganzes gegessen, gegrillt oder gekocht, zerkleinert um Suppen zu kochen, Soßen oder andere Gerichte zuzubereiten: Als Körnermais in Suppen (Pozole) und Salaten; gemahlen für Tamales, Atole, Kuchen und Gebäck; der Stängel als Süßigkeit. (...) Jegliche Teile der Pflanze eignen sich als Tierfutter. Das Wasser des „Nixtamal“ und die Haut um das Samenkorn, welche im Herstellungsprozess gewonnen wird, lassen sich in einem Gemisch mit Maismehl als Futter für Geflügel verwenden. Zerhackt und mit Kompost oder Hühnermist vermischt, lassen sich alle Teile der Pflanze als Dünger verwenden. Die Teile, die nicht geerntet werden wie die Wurzeln besitzen auch die Eigenschaften von Dünger, wenn sie bei der Vorbereitung des Bodens vor der nächsten Aussaat im Boden verbleiben. Der haarige Aufsatz des Maiskolbens besitzt medizinische Eigenschaften: Als Tee, vermischt mit Basilikum und Guavenblättern, Kamille oder der Epazote Pflanze (Gänsefuß) dient er zur Linderung von Magenschmerzen und hilft gegen Erbrechen; eingenommen mit Zucker oder Adiantum hilft er bei blutigem Urin; ein Tee aus den Haaren vermengt mit Wermuth hilft gegen Beschwerden mit der Galle; mit Fenchel- und Ananasblättern begünstigt er die Milchproduktion stillender Mütter. Bei Frauen, die Schwierigkeiten haben schwanger zu werden wird eine Mixtur aus Kräutern, Heimia salicifolia (Lebenskraut) und dem Wasser des „Nixtamal“ verabreicht. (...) Bestimmte Gerichte können ausschließlich mit speziell ausgewählten Maissorten zubereitet werden, wie beispielsweise die traditionelle mexikanische Suppe Pozole mit Mais “cacahuacintle“, Totopos (Tortilla-Chips) benötigen Mais „zapalote chico“ aus Oaxaca und Popcorn eine bestimme Sorte weißen Mais. (...) Die Blätter der Pflanze (totomoxtle) werden zum Einrollen der Tamales (Gericht aus Maismehl), zum Rollen von Zigaretten und zum Verschnüren oder Verpacken von Sachen wie Kräuterbündel, verwendet. (...) Mit den Kolbenstängeln, den Pflanzenstängeln und den Wurzeln wird Feuer gemacht. Die Maiskolben, die verschiedenfarbigen Maiskörner (weiß, gelb, rot, blau, rosa, lila, schwarz), das „Kreuz des Stiels“ und die Blätter werden allgemein bei Ritualen eingesetzt. Samenkörner werden zum Wahrsagen verwendet, Samen und Kolben jeglicher Farbe als Opfergabe in Zeremonien. (...)
Übersetzung: Kai Bentlage
Der Originaltitel der Ausstellung lautete: “El maíz, fundamento de la cultura popular mexicana”. Quelle: www.cdi.gob.mx/ini/sinmaiz/index.html