Rezension: Die menschliche Leiche als Rohstoff
Der Stoff, um den es geht, macht die Lektüre auch bei Frühlingssonne nicht gerade gemütlich. Martina Kellers Buch über die Praxis der Gewebeverwertung, ihre rechtlichen Grundlagen und die sie voran treibenden kommerziellen Interessen ist harte Kost. Die schonungslose Beschreibung der Sektion einer verstorbenen Neunzigjährigen beispielsweise oder die aus der Angehörigen-Perspektive geschilderten, jahrelangen Exporte von Knochen und Gewebe Verstorbener aus Lettland an eine fränkische Firma machen sehr plastisch klar, das etwas passiert ist im Verhältnis der Gesellschaft zum Tod: Der Respekt vor der Totenruhe geht verloren, weil noch der tote Körper produktiv gemacht werden kann. Eine Industrie ist entstanden, die auch die Leiche in einen kapitalen - den kapitalistischen - Verwertungskreislauf integriert. Dabei stehen die technologischen Entwicklungen, die vielfältigen Verarbeitungs- und Aufbewahrungsmöglichkeiten menschlichen Gewebes, in enger Wechselwirkung mit der globalen ökonomischen Ordnung, daran lässt Martina Keller keinen Zweifel. Das Buch ist weit entfernt von einer distanziert-analytischen Darstellung; es geht vielmehr um Geschäftsmodelle, um Motive bei der Gesetzgebung, um den Alltag der Gewebeindustrie. Und es geht um die fundamentale Bedeutung der ‚Spende’, um den immer wieder gern bemühten Altruismus und seine Funktion in dieser Ökonomie. Interessanterweise war der Begriff ‚Spende’ im Zusammenhang mit Körperteilen schon im Mittelalter nützlich: Nachdem die Kirche den Handel mit Reliquien verboten und diese grundsätzlich als Spenden definiert hatte, fanden die Mönche andere Mittel und Wege, und das Geschäft florierte umso besser. Der Begriff, so der Historiker Valentin Groeber, werde „immer dann eingesetzt, wenn man ein soziales System am Laufen halten will, das kommerzielle Transaktionen mit einschließt“. Fazit der Autorin: Der tote menschliche Körper ist mehr als „eine leere Hülle“, der „achtsame Umgang mit der Leiche“ nicht ohne Grund Jahrtausende alt. Die Frage nach Freigabe eines Toten für die Gewebegewinnung stellt Angehörige vor die „schwierige Aufgabe, einen Leib, der ihnen wichtig war und den sie geliebt haben, in einen Körper umzuwandeln, in ein Objekt“. Deshalb - und das ist in Zeiten der Inwertsetzung des menschlichen Körpers über den Tod hinaus eine wichtige Botschaft des Buches - gibt es weder ein Recht auf die Körperteile eines anderen Menschen noch eine Pflicht zur Spende von Organen oder Gewebe.
Uta Wagenmann