Reproduktion jenseits normativer Vorstellungen

Einführung

Die gesellschaftliche Betrachtung von Kinderwünschen, Schwangerschaftserleben und Familiengründung ist nach wie vor heteronormativ und verhaftet in einem binären Verständnis von Geschlecht. In diesem Schwerpunkt geht es um Lebensrealitäten jenseits von „Junge oder Mädchen“ und „Vater, Mutter, Kind“ und um die Rolle der Reproduktionsmedizin dabei.

Louise Aloupic

Die kontinuierliche Weiterentwicklung der Ultraschallgeräte erleichtert die vorgeburtliche Geschlechtsbestimmung. Bild: © Louise Aloupic

Ausgangpunkt der Themenwahl für diesen Schwerpunkt war der Diskurs um die nicht-invasiven Pränataltests (NIPT), an dem sich das GeN seit etwa einem Jahrzehnt immer wieder kritisch beteiligt.1 Die öffentliche Diskussion um diese vorgeburtlichen Bluttests fokussiert sich klar auf die Trisomien 13, 18 und 21. Deren gleichzeitige Suche nach zahlenmäßigen Abweichungen der sog. Geschlechtschromosomen, wie z.B. dem Turner-Syndrom (45 XO), findet hingegen kaum öffentliche Beachtung.
Das Geschlecht gilt in unserer Gesellschaft als eine zentrale, identitätsstiftende, soziale Kategorie, der sich Menschen zuordnen und zugeordnet werden. In unserer Arbeit zu Pränataldiagnostik und Reproduktionstechnologien stoßen wir immer wieder auf komplexe Fragen und scheinbare Widersprüche. Auf der einen Seite zeigen sich „fortschrittliche“ Entwicklungen und der Einsatz neuer Verfahren in der Reproduktionsmedizin, auf der anderen Seite gibt es eine Aufrechterhaltung heteronormativer Vorstellungen von Familie sowie binärer Geschlechternormen. Wir wollen einigen, oft wenig beachteten Perspektiven in diesem Schwerpunkt Raum geben. Dafür gehen wir einer Auswahl von Fragen und Forderungen rund um die Verschränkungen von Schwangerschaft und Geschlecht nach.
Im Kontext von Reproduktion wird die Bedeutung von sex (biologischem Geschlecht) und gender (sozialem Geschlecht) besonders sichtbar: Eine Schwangerschaft gilt als natürlicher Ausdruck von Weiblichkeit. Was bedeutet dieses normative Bild einerseits für Frauen, die nicht schwanger werden können und andererseits für schwangere Personen, die keine Frauen sind?
Auch das Geschlecht eines Fötus spielt im Umgang mit Schwangerschaft eindeutig eine wichtige Rolle. Nach aktuellen Studienergebnissen der Soziologin Eva Sänger begründet der Ausspruch Es ist ein Junge oder Es ist ein Mädchen „die Anerkennung als geschlechtlich differenziertes Mitglied der Gesellschaft.“2 Die geschlechtliche Betrachtung und Einordnung am Lebensanfang hat sich mit der Etablierung und Weiterentwicklung pränataler Ultraschalluntersuchungen längst in den Zeitraum vor der Geburt verschoben. Bei Sorge um Fehlinterpretationen auf dem Ultraschallbildschirm oder einfach als „netten Nebenbefund“ eines NIPT zur Bestimmung der Wahrscheinlichkeit für das Vorliegen einer autosomalen Trisomie, bieten nun die vorgeburtlichen Bluttests eine „sichere“ Bestimmung des fetalen Geschlechts: Für einen kleinen Aufpreis können werdende Eltern die Untersuchung der X- und Y-Chromosomen hinzubuchen. Lässt sich das Geschlecht medizinisch einmal nicht „eindeutig“ – also weder männlich noch weiblich – definieren, gilt dies als unnormal.
Der Beitrag von Janina Krause eröffnet den Schwerpunkt und beschreibt wie die NIPT die normative Vorstellung von Zweigeschlechtlichkeit stabilisieren und zur Pathologisierung diverser Körper beitragen. Wie passt der Ausbau der Praxis einer geschlechtlichen Einordnung – in die binären Kategorien männlich und weiblich bereits vor der Geburt – mit Errungenschaften für queere Menschen, wie beispielsweise der seit 2018 mögliche positive dritte Geschlechtseintrag divers, zusammen?
Auf den folgenden Seiten gibt Theresa Richarz einen Überblick über die rechtlichen und strukturellen Voraussetzungen und Hürden, mit denen sich Menschen mit Kinderwunsch konfrontiert sehen, die nicht in die klassische heteronormative Vorstellung von Wunscheltern hineinpassen. Eindrücklich erläutert die Rechtswissenschaftlerin, warum die aktuelle Situation nicht nur unbequem für queere Wunscheltern ist, sondern sogar verfassungswidrig.
Im daran anschließenden Interview berichtet Nathan sehr persönlich über seine Erfahrungen als trans* Person. Der Gynäkologe erzählt von der Entstehung und Entwicklung seines Kinderwunsches, vom schwanger werden und schwanger sein als trans* Mensch sowie von den Herausforderungen rund um die Geburt und als queere Familie.
Im letzten Artikel des Schwerpunktes stellt die Rechts- und Geschlechtswissenschaftlerin Sevda Evcil eine relativ neue Entwicklung der Reproduktionsmedizin vor: Die Uterustransplantation. Aus genderkritischer Perspektive diskutiert sie die Bedeutung des Verfahrens für die Aufrechterhaltung von Schwangerschaft als Weiblichkeitsnorm. Die derzeit als experimentelles Verfahren geltende Uterustransplantation ist ein erneutes Beispiel für eine medizintechnische Methode, die um des „Fortschritts“ Willen entwickelt und eingesetzt wird, bevor eventuelle ethische und gesellschaftliche Aspekte öffentlich und politisch diskutiert wurden. Die öffentliche Meinungsbildung sowie die Rechtsprechung sind mit geschaffenen Tatsachen konfrontiert.

  • 1. Bereits vor der Marktzulassung in Deutschland im Jahr 2012 wies das GeN auf offene gesellschaftspolitische und ethische Fragen hin, die im Kontext von Pränataldiagnostik vor der Zulassung eines neuen Testverfahrens eine grundlegende Diskussion gebraucht hätten. Eine solche Debatte steht bis heute aus, während die NIPT auf die Trisomien 13, 18 und 21 kurz vor der Aufnahme in den Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenversicherung stehen. Siehe „Neutrale Informationsbroschüre?“ unter Kurz notiert, S.28 in diesem Heft:https://www.gen-ethisches-netzwerk.de/256/kurz-notiert-mensch-und-mediz…. Ausführliche Kritik zum Thema gibt es auf unserer Homepage: www.gen-ethisches-netzwerk.de oder www.kurzelinks.de/gid256-tr [letzter Zugriff: 03.02.2021].
  • 2. Sänger, E. (2020): Elternwerden zwischen „Babyfernsehen“ und medizinischer Überwachung. Bielefeld: transcript Verlag, S.181. Siehe auch „Pränatales Elternwerden per Ultraschall“ in: GID 255, S.35f.: https://www.gen-ethisches-netzwerk.de/255/praenatales-elternwerden-ultr….

Taleo Stüwe ist Mediziner*in und Mitarbeiter*in des GeN.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
256
vom Februar 2021
Seite 6 - 8

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