Rezension: Geschlecht anders gestalten

Nicht nur Drag Kings und Drag Queens inszenieren mittels Kleidung, Gestik und Sprache Geschlechterklischees - alle tun es, aber die meisten bemerken es nicht, weil es ihnen völlig natürlich vorkommt. Im Unterschied dazu persiflieren Kings und Queens hegemoniale Männlichkeits- und Weiblichkeitscodes und machen deutlich: „any gender is a drag" (Patti Smith). Dass dies nicht nur akademische Theorie ist, sondern die praktische Erfahrung einer „alternativen geschlechtlichen Wirklichkeit" ausdrückt, ist die spannende These des Buchs „Geschlecht anders gestalten". Während lange Zeit hauptsächlich die Drag Queen im Rampenlicht stand, hat sich seit den 1990er Jahren Drag Kinging als Performance-Praxis mit geschlechterpolitischem Anspruch entwickelt. Uta Schirmer verortet die „Bedingungen der Möglichkeit" dieser Praxis in lesbischen, queeren und transgender Kontexten. Das bedeutete auch massive Auseinandersetzungen um die Bewertung von Männlichkeitsinszenierungen - auf der einen Seite der Vorwurf des „Verrats" feministisch-lesbischer Patriarchatskritik, auf der anderen Seite die Beschuldigung, Drag Kings verhöhnten die Bemühung transgeschlechtlicher Menschen, im Alltag im Identitätsgeschlecht „durchzugehen“. Inzwischen weichen diese Konflikte zunehmend Kooperationen und (Wieder-)Verflechtungen der Szenen. Kinging hat sich zu einer eigenen Kultur entwickelt, die von Partys über Bühnenshows, Workshops und Netzwerke bis hin zum Alltag mit angeklebtem Bart reicht. Interviews mit Protagonist_innen sowie ein genaues Studium von Treffen und Veranstaltungen, Zeitschriften und Websites führen Schirmer zu der These, dass die Drag King-Kultur, da sie eine kollektive Praxis geworden ist, längst nicht mehr nur Möglichkeiten andeutet, sondern eine „andere Wirklichkeit" Gestalt annehmen lässt: Sie ermöglicht, Geschlechtervielfalt quer zu den zwei hegemonialen Geschlechtern zu erproben, zu verkörpern und zu leben. Gleichzeitig macht das Spiel mit geschlechtlichen Inszenierungen praktisch erfahrbar, dass „ein Geschlecht zu sein“ keine Naturtatsache ist, sondern ein ständiges, kollektives und veränderliches Tun, so Schirmer. In dieser auch körperlich-affektiven Erfahrung der Kontingenz und kollektiven Veränderbarkeit von Geschlecht liegt womöglich das größte Potential der Drag-Kultur: Eine „andere geschlechtliche Welt" ist möglich und lebbar. Manchmal etwas umständlich, jedoch überzeugend entfaltet Schirmer diese Botschaft anhand von lebendigen Materialanalysen und in Auseinandersetzung mit soziologischen Theorien. Ein lesenswertes Buch!
Ulrike Klöppel
Uta Schirmer: Geschlecht anders gestalten. Drag Kinging, geschlechtliche Selbstverhältnisse und Wirklichkeiten. Transcript, Bielefeld (2010), 438 Seiten, 29,80 Euro, ISBN: 978-3-8376-1345-2.

GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
215
vom Dezember 2012
Seite 48