Rezensionen: Der kritische Agrarbericht | Siegesgärten
Warum alles nicht ganz so einfach ist ...
Auch wenn „Der kritische Agrarbericht” in diesem Jahr nur drei Beiträge zur Gentechnik enthält, soll er an dieser Stelle wärmstens empfohlen werden. Er ist - man muss schon sagen wie immer - ein äußerst aufschlusssreiches Sammelwerk zur Gemengelage in der Landwirtschaft. Erwartungsgemäß steht die Frage der Energieerzeugung im Mittelpunkt. Der landwirtschaftliche Beitrag zum Energiemix der Zukunft war noch nie zuvor so stark im Fokus gesellschaftlicher Debatten wie im abgelaufenen Jahr, nicht zuletzt wegen der Auswirkungen der stark gestiegenen Nachfrage nach dem Rohstoff Biomasse auf den Preis für Lebensmittel. Damit einher geht natürlich auch, dass in der Landwirtschaft plötzlich wieder Morgenluft geschnuppert wird: ökonomisch hoffnungsfroh und gesellschaftlich als Klimaretter gefeiert - da freuen sich Bäuerinnen und Bauern. Dass alles nicht ganz so einfach ist, ahnten wir schon, im kritischen Agrarbericht können wir es lesen - vielstimmig und kompetent ... mit dem Ohr an der Stimme des Landes.
Christof Potthof
Der kritische Agrarbericht 2008. Erschienen im AbL Bauernblatt Verlag. 304 Seiten, kartoniert. ISBN 978-3-930413-33-1. Er kostet 19,80 Euro. Bestellungen an: AbL-Verlag, Bahnhofstr. 31, 59065 Hamm, Tel.: 02381/492288, Fax: 02381/492221, eMail: verlag@bauernstimme.de.
Siegesgärten und Samentütchen
Samentütchen als Buch? Biopiraterie als Kunstobjekt? Ein Ausstellungskatalog als Referenzhandbuch? Es passiert nicht häufig, dass ein Buch „zur Aneignung von Natur und das Wissen um deren Nutzung durch transnationale Konzerne“ so hybrid sein kann, aber Ines Doujak ist dies mit ihrer Ausstellung „Siegesgärten“ auf der Dokumenta 12 und mit ihrem Buch „Biopiraterie“ durchaus gelungen. In der Ausstellung zeigte die österreicherische Künstlerin auf 69 Samentütchen in einem Pflanzenbeet allerlei Informationen zu Fällen von Biopiraterie, Patenten, aber auch Grundlegendes zu Life Science Industries, Humboldts Umgang mit lokalem Wissen oder Verpflanzung von menschlicher DNA in Schafe. Ich muss gestehen, dass für mich die Wahl der Bilder und der Collagen auf der Vorderseite der Tütchen nicht immer verständlich ist - aber vielleicht bin ich zu sehr Naturwissenschaftlerin. Anscheinend funktioniert dieser so andere Zugang zum Thema für viele Menschen sehr gut. So gut jedenfalls, dass die Künstlerin nach der Ausstellung die Tütchen als Buch reproduziert hat. Ein Buch, um immer mal wieder drin herumzublättern, an einem Bild hängen zu bleiben und erstaunt festzustellen, dass es ein Patent auf das Fleißige Lieschen gibt. Oder sich an Ereignisse zu erinnern, von denen man schon mal gehört hatte. Ein optisch ansprechendes Buch für zwischendurch und um in einer Kaffeepause zu erfahren, auf welche äthiopischen Kaffeenamen Starbucks Lizenzansprüche erhebt oder wer John Moore ist. Um die gesammelten Informationen auch als Nachschlagewerk zu benutzen, wäre ein Register ganz hilfreich gewesen, aber das tut diesem Buch keinen Abbruch. Es zeigt auf eindrückliche Weise, dass mensch sich der Frage von Biopiraterie und Biodiversität auch auf andere Weise nähern kann, als nur über die üblichen trockenen Artikel, nämlich visuell, und dass die Zielgruppe für Fakten zu Pflanzenpatenten, Termina-tortechnologie und Biopiraterie nicht nur politik- sondern auch kunstinteressiert sein kann.
Antje Lorch
Ines Doujak: Biopiraterie, Schlebrügge Editor, 2007, 18,50 Euro; ISBN 978-3-85160-123-7