Die Ökozuchtplattform
Ein Modell für partizipative Pflanzenzüchtung
Um die ökologische Saatgutentwicklung zu fördern, schlägt die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft neue Wege ein. Dazu stellt sie Anbauflächen und wissenschaftliche Begleitung zur Verfügung und setzt auf die Beteiligung aller Akteur*innen entlang der Wertschöpfungskette.
Auf den zertifizierten Flächen der „Ökozüchtungsplattform“ können Züchter*innen aus Bayern Kulturen wie Roggen, Mais und Gerste entwickeln und prüfen. Die Landesanstalt für Landwirtschaft unterstützt dabei mit wissenschaftlicher Expertise. Foto ©Lucia Huber-Holmer.
Deutschland besitzt mit aktuell mehr als 10 Milliarden Euro Umsatz den größten Ökomarkt in Europa – Tendenz steigend. Bayern nimmt dabei eine Vorreiterrolle ein, denn 32 Prozent aller deutschen Ökobetriebe liegen in Bayern. Damit die Produktion im ökologischen Landbau wirtschaftlich ist, sind die Betriebe auf geeignete, an die jeweiligen Anbaubedingungen angepasste Pflanzen angewiesen. Dabei ist nicht nur die Sorte wichtig, sondern auch die Bedingungen, unter denen das Saat-gut entwickelt wurde.
Der Ökolandbau steht jedoch vor der Herausforderung, dass das Angebot an Saatgut aus ökologischer Züchtung bei Weitem zu gering ist, um den Bedarf zu decken. Die Betriebe setzen deshalb weiterhin lediglich „ökologisch vermehrtes“ Saatgut ein, das nicht vollständig unter Ökobedingungen entwickelt und daher nicht optimal an die Anforderungen des Ökolandbaus angepasst wurde. Konventionell gezüchtete Sorten werden unter optimierten Bedingungen ausgewählt, etwa unter dem Einsatz von Herbiziden und mineralischer Düngung. Kommen sie im biologischen Anbau zum Einsatz, zeigen sie teils Schwächen, wie etwa eine geringere Krankheitsresistenz oder schwache Beikrautunterdrückung. Ökosaatgut hingegen ist angepasst an Nährstofflimitierung, natürliche Abwehrmechanismen und wechselnde Bodenbedingungen. Es liefert oft eine bessere Qualität und höhere Erträge im Ökolandbau. Zudem trägt es zur Klimaresilienz, Saatgutvielfalt und einer regionalen Saatgutversorgung bei.
Für Züchter*innen ist die Ökozüchtung weniger attraktiv, denn sie ist mit einem größeren Aufwand verbunden, etwa durch den zusätzlichen Bedarf an zertifizierten Ökoflächen und eine arbeitsintensive Prüfung unter ökologischen und konventionellen Bedingungen. Zugleich ist die Nachfrage nach Ökosaatgut im Vergleich zu konventionellem Saatgut deutlich geringer, da nur elf Prozent aller landwirtschaftlichen Betriebe im Ökolandbau tätig sind.1
Flächen für die Ökozüchtung
Um die Entwicklung von Ökosaatgut zu unterstützen, hat die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) im Jahr 2020 die „Ökozüchtungsplattform“ ins Leben gerufen – ein in Europa und Deutschland einzigartiger Zusammenschluss von Forschung und Unternehmen, der auf Partizipation und Kommunikation fußt.2 Im Rahmen des Vorhabens baute das LfL-Projektteam am Standort Ruhstorf an der Rott und an weiteren Standorten in Bayern eine sogenannte On-farm-Plattform auf. Damit bieten wir Züchter*innen ökologische Anbauflächen, auf denen sie ihr Saatgut für ausgewählte Kulturarten wie Winterroggen, Mais, Sommer- und Wintergerste entwickeln und prüfen können. Die Teilnahme an den Versuchen ist für die Projektpartner*innen unentgeltlich, sie setzt jedoch voraus, dass die Daten der LfL zur Verfügung gestellt werden. Außerdem begleitet unser Projektteam die Prüfung des angebauten Materials mit wissenschaftlicher Expertise. Das ermöglicht auch mittelständischen Züchtungsunternehmen ohne eigene zertifizierte Ökoflächen, Sorten für den Ökolandbau zu entwickeln.
Zudem initiierte die LfL das „Forum zur Förderung der ökologischen Pflanzenzüchtung in Bayern“, dem kleine und mittelständische Züchtungsunternehmen aus Bayern und Ökozüchter*innen aus ganz Deutschland sowie Vertreter*innen aus Land-wirtschaft, Lebensmittelverarbeitung, Handel, Ökoverbänden und Verbraucher*innen sowie weiteren Vertreter*innen, die der Wissenschaft angehören. Mit diesem Expert*innengremium fördern wir die Entwicklung von Ökosorten und sorgen dafür, dass die Anforderungen und Bedürfnisse der verschiedenen Akteur*innen entlang der Wertschöpfungskette berücksichtigt werden. Das Forum ermöglicht einen Austausch, den es in der Saatgutentwicklung so bislang nicht gibt. Denn es bringt Akteur*innen aus dem ökologischen und dem konventionellen Bereich direkt zusammen, um die Herausforderungen im ökologischen Landbau gemeinsam zu diskutieren und anzupacken.
Partizipation bei Züchtung und Forschung
Die Ökozüchtungsplattform setzt auf Partizipation, um den Herausforderungen des ökologischen Marktes gerecht zu werden. Bei der Verarbeitung ökologischer Erzeugnisse können Verarbeitungsprobleme wie zum Beispiel Risse in der Brotkrume nicht so einfach ausgeglichen werden wie im konventionellen Bereich etwa durch eine größere Sortenauswahl oder den Einsatz von Hilfsstoffen beim Backen. Für manche Fragen muss bereits am Anfang der Wertschöpfungskette, also bei der Züchtung, eine Lösung gefunden werden. Durch die breite Beteiligung bei der Ökozüchtungsplattform können die unterschiedlichen Akteur*innen gemeinsam an Lösungen arbeiten.
Die Forschung begleitend zur On-farm-Plattform gestalten wir partizipativ. Als Beispielkulturen dienen Mais, Sommergerste mit Braueignung und Winterroggen. Für die Feldversuche steht Zuchtmaterial von der LfL sowie von bayerischen und ökologischen Pflanzenzuchtunternehmen zur Verfügung, das auf zertifizierten ökologischen Flächen geprüft wird. Nach den Prüfungen gehen die Ergebnisse sowohl an die Züchtungsunternehmen als auch an die Verarbeitungspartner*innen. Dadurch erhalten diese frühzeitig Einblick in die Ertrags- und Qualitätsergebnisse des jungen Zuchtmaterials – und zwar noch bevor dieses auf den Markt kommt. Daraufhin erhalten die Züchtungsunternehmen von Verarbeiter*innen ein direktes Feedback zu Ihrem Zuchtmaterial, das sie bei der Selektion neuer Zuchtstämme berücksichtigen können. Sobald sich aus den geprüften Zuchtstämmen interessantes Material herauskristallisiert, wird dieses vermehrt und zum Probeanbau an Landwirt*innen gegeben. Auch sie berichten über ihre Erfahrungen mit den Stämmen. Dieses besondere Vorgehen erleichtert den Züchtungsprozess erheblich und ermöglicht später eine schnellere Einführung in die Praxis.
Absicherung für Züchter*innen
Um die notwendige statistisch abgesicherte Leistung einer Sorte zu beurteilen und eine amtliche Anbauempfehlung zu erhalten, sind nach der Sortenzulassung durch das Bundessortenamt noch mehrjährige regionale Prüfungen und Qualitätsuntersuchungen notwendig. Durch die Versuche an verschiedenen Standorten der Ökozüchtungsplattform kann frühzeitig ein Eindruck über die regionale Anbaueignung von neu entwickelten Sorten gewonnen werden. Dadurch können die Sorten nach der Zulassung zügiger auf den Markt gelangen. Dies gibt sowohl den Züchter*innen als auch den Marktpartner*innen mehr Sicherheit.
Diese Sicherheit ist auch aus wirtschaftlicher Sicht wichtig. So finanziert sich die Ökozüchtung bislang vor allem aus Stiftungsgeldern, Fördermitteln und Spenden.3, 4 Ohne staatliche Unterstützung kann die Ökozüchtung nicht langfristig betrieben werden. Nur durch eine enge Zusammenarbeit zwischen staatlicher Forschung, Züchtung und Praxis kann die ökologische Landwirtschaft in Deutschland für die Zukunft gestärkt werden. Mit der Ökozüchtungsplattform gehen wir von der LfL neue Wege zur gemeinsamen Bewältigung der Herausforderungen im ökologischen Landbau.
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Statistische Bundesamt (03.04.2024): Zahl der Ökobetriebe in der Landwirt-schaft zwischen 2020 und 2023 um 10 % gestiegen – Anstieg der ökologischen Wirtschaftsweise sowohl bei der landwirtschaftlich genutzten Fläche als auch in der Tierhaltung. Online: www.kurzlinks.de/gid275_db.
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LfL (o.D.): Ökozüchtungsplattform Ruhstorf: Etablierung einer partizipativen Kooperationsplattform zur Unterstützung der Sortenentwicklung für den Ökolandbau. Online: www.kurzlinks.de/gid275_dc.
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Im deutschsprachigen Raum entspricht das etwa zwei Drittel. Siehe Hiester, I. (08.02.2024): Saatgut: So werden seltene Sorten gerettet. In: Schrot und Korn. Online: www.kurzlinks.de/gid275_dd.
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Messmer, M./Schäfer, F./Winter, E. (2019): Möglichkeiten zur Finanzierung ökologischer Pflanzenzüchtung. EGON Abschlussveranstaltung in Esteburg. Online: www.kurzlinks.de/gid275_de.
Lucia Huber-Holmer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt Ökozüchtungsplattform Ruhstorf von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL).
Dr. Markus Herz leitet die Arbeitsgruppe Züchtungsforschung für Winter- und Sommergerste am Institut für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung der der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL).