„Just say no“

Kampagnen gegen Agro-Gentechnik in den USA

GentechnikkritikerInnen in den USA kämpfen derzeit an zwei Fronten: Einerseits gilt es, die weitere Ausbreitung der Agro-Gentechnik aufzuhalten und gegen Neu-Zulassungen zu protestieren. Andererseits fordern sie die Einführung einer Kennzeichnungspflicht, um zumindest Transparenz zu schaffen und den Verbrauchern eine Wahlmöglichkeit zu geben.

Aktuellen Umfragewerten zufolge lehnt die Hälfte der US-amerikanischen KonsumentInnen den Kauf gentechnisch veränderter Lebensmittel ab. Gleichzeitig sind jedoch acht von zehn der in einem durchschnittlichen US-amerikanischen Supermarkt angebotenen Lebensmittel gentechnisch verändert oder enthalten gentechnisch veränderte Inhaltsstoffe - ohne dass eine Kennzeichnung auf diese Veränderung hinweisen würde. Denn im Gegensatz zur europäischen Gesetzeslage existiert in den USA keine Kennzeichnungspflicht für gentechnisch veränderte Produkte, obwohl das Gros der VerbraucherInnen eine solche Kennzeichnungspflicht begrüßen würde (siehe Kasten). Diese Diskrepanz zwischen zunehmendem Misstrauen gegenüber gentechnisch veränderten Lebensmitteln einerseits und dem Informationsdefizit über die Produktinhaltsstoffe andererseits steht im Zentrum vieler aktueller Aktivitäten und Forderungen gentechnikkritischer Akteure in den USA.

Oktober 2010: Erster USA-weiter gentechnikfreier Monat

Im Februar dieses Jahres meldete das US-amerikanische Marktforschungsunternehmen Nielsen eine stark steigende Nachfrage nach als gentechnikfrei gekennzeichneten Produkten auf dem US-amerikanischen Lebensmittelmarkt. Mit einem Plus von 67 Prozent im Vergleich zum Vorjahr verzeichneten „gentechnikfrei“-Labels demzufolge einen stärkeren Zuwachs als alle anderen Produktlabels. Ein unabhängiges Zertifizierungsverfahren für Gentechnikfreiheit existierte bisher jedoch noch nicht. Sowohl Angaben auf den Produktverpackungen als auch Informationen in Einkaufsführern für gentechnikfreie Produkte - die von verschiedenen Nichtregierungsorganisationen wie dem Center for Food Safety herausgegeben werden - basierten bislang auf Selbstauskünften der Hersteller. Um dieses Manko zu beheben, hatte eine Gruppe von Lebensmittelhändlern und -herstellern bereits 2005 das Non-GMO Project ins Leben gerufen. Unter Anerkennung der Tatsache, dass eine unbeabsichtigte Kontamination mit GVOs jederzeit möglich ist und eine 100-prozentige Gentechnikfreiheit von Lebensmitteln daher nur durch aufwändiges Testen jedes einzelnen Produkts garantiert werden könnte, wollten sie dennoch dem seit Jahren wahrnehmbaren und zunehmenden Wunsch der KonsumentInnen nach verlässlichen Informationen nachkommen. Daher wurde ein unabhängiges, kostengünstiges und auf wissenschaftlicher Grundlage basierendes Kennzeichnungssystem für Produkte geschaffen, bei deren Herstellung besonders darauf geachtet wurde, eine Kontamination zu vermeiden. Um Produkte zertifizieren zu lassen, müssen sich ProduzentInnen an einen Katalog von optimalen Vorgehensweisen halten und riskante Inhaltsstoffe auf ihre Gentechnikfreiheit testen lassen. Im Oktober dieses Jahres schließlich fiel der offizielle Startschuss für die Kennzeichnung. Etwa 900 Produkte waren zu diesem Zeitpunkt bereits zertifiziert, bis zu 30.000 weitere sollen noch folgen. 400 Lebensmittelhersteller unterstützen die Kampagne und streben eine Zertifizierung ihrer Produkte an, darunter die größten Unternehmen des nordamerikanischen Sektors für natürliche und ökologische Produkte. Die Einführung des neuen Kennzeichnungssystems wurde zum Anlass genommen, den Oktober 2010 zum ersten USA-weiten gentechnikfreien Monat zu ernennen. Das Non-GMO Project und andere Organisationen wie das von dem Journalisten und bekannten Gentechnikkritiker Jeffrey Smith gegründete Institute for Responsible Technology verstärkten ihre Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, um die Medienaufmerksamkeit sowie die VerbraucherInnen-Sensibilität gegenüber der Gentechnik zu erhöhen; neben anderen Aktionen wurde ein Multiplikatorenprogramm gestartet, das bis zu 200 Menschen zur Durchführung von Workshops zum Thema Gentechnik befähigen soll.

„Just say no to Frankenfish“

Ein Thema, das die Debatten um Gentechnik und Kennzeichnungspflicht in den USA derzeit in besonderem Maße anheizt, sind die Auseinandersetzungen um den so genannten AquAdvantage Atlantic Lachs. Diesem gentechnisch veränderten Atlantischen Lachs - der von KritikerInnen längst nur noch als „Frankenfish“ bezeichnet wird - wurden zwei Fremdgene übertragen: Ein für die Produktion von Wachstumshormonen zuständiges Gen des Königslachses sowie ein „Anti-Frost-Gen“ einer an kalte Gewässer angepassten Fischart. Diese Kombination soll dafür sorgen, dass der AquAdvantage Atlantic Lachs auch im Winter Wachstumshormone produziert und dadurch doppelt so schnell wie seine nicht gentechnisch veränderten Artgenossen wächst. Um den Fisch jedoch tatsächlich produzieren und kommerziell vermarkten zu dürfen, braucht die Herstellerfirma AquaBounty Technologies noch die Zulassung der US-Behörde für Lebensmittel- und Arzneimittelsicherheit (Food and Drug Administration, FDA). Diese verkündete im August dieses Jahres, das bereits seit zehn Jahren laufende Zulassungsverfahren in Kürze zu beenden und die Zulassung zu erteilen. Sollte sie sich an ihre Aussagen halten, wäre der Fisch das erste gentechnisch veränderte Tier, das für den menschlichen Verzehr vorgesehen ist. Innerhalb von zwei bis drei Jahren soll der Fisch in US-amerikanischen Supermarktregalen landen – ganz ohne Kennzeichnung. Für eine verpflichtende Kennzeichnung gäbe es nach Aussagen der FDA auch gar keine rechtliche Grundlage, denn nach Ansicht der Behörde unterscheidet sich der Fisch in seiner stofflichen Zusammensetzung nicht von seinen konventionellen Artgenossen. Sowohl die beabsichtigte Zulassung als auch die Nicht-Kennzeichnung des Fisches widerspräche jedoch dem Willen der überwiegenden Mehrheit der US-amerikanischen Bevölkerung, die gentechnisch veränderten Tieren sehr ablehnend gegenüber steht. In einer im September durchgeführten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Lake Research Partners sprachen sich 78 Prozent der US-BürgerInnen gegen die kommerzielle Zulassung des Lachses aus, und etwa 90 Prozent der VerbraucherInnen befürworten die Einführung einer Kennzeichnungspflicht für gentechnisch veränderte Lebensmittel. Angesichts dieser Umfragewerte verwundert es nicht, dass die Ankündigung der FDA auf breite Kritik stieß und eine Reihe von Gegnern auf den Plan rief: So fordert eine Allianz aus 31 Organisationen - die neben Verbraucher-, Tierschutz- und Umweltverbänden auch Lebensmittelhändler und Fische­reiverbände umfasst - die FDA in einem gemeinsamen Aufruf dazu auf, die Zulassung nicht zu erteilen, da das Risiko der Auskreuzung und der damit verbundenen Bedrohung wilder Lachsarten zu groß sei. Gentechnikkritische Verbände wie das Center for Food Safety beziehungsweise das dazugehörige AktivistInnen-Netzwerk The True Food Network haben VerbraucherInnen zudem dazu aufgerufen, die von der FDA vorgesehene Möglichkeit wahrzunehmen, persönliche Kommentare zum Zulassungsverfahren abzugeben. Als diese Kommentar-Möglichkeit am 22. November endete, hatten nahezu 400.000 US-Bürger­Innen davon Gebrauch gemacht und ihre Bedenken gegenüber der Zulassung des AquAdvantage-Lachs zum Ausdruck gebracht.

Vielfältiges Aktionsnetzwerk gegen Gentechnik

Eine wichtige Rolle in der Vernetzung und im Austausch von Informationen der GentechnikgegnerInnen in den USA spielt das Genetic Engineering Action Network, ein USA-weites Netzwerk gentechnikkritischer Nichtregierungsorganisationen. Es stellt mit dem so genannten „Local Organizing Toolkit“ ein Hilfsmittel für Menschen bereit, die auf lokaler Ebene selbst aktiv gegen Gentechnik werden wollen, dient in erster Linie jedoch dem Informationsaustausch zwischen seinen etwa 100 Mitgliedsorganisationen. Diese Organisationen unterscheiden sich sowohl in ihren Aktionsformen und Zielgruppen als auch in ihrer Reichweite: Große, teilweise international tätige Organisationen wie Friends of the Earth sind hier ebenso zu finden wie Regionalgruppen (beispielsweise Californians for GE-Free Agriculture oder GMO-Free Hawaii) und kleine Zusammenschlüsse von GraswurzelaktivistInnen. Und neben Organisationen, die sich vor allem an VerbraucherInnen wenden, finden sich auch die Wissenschaftlervereinigung Union of Concerned Scientists („Vereinigung besorgter WissenschaftlerInnen“) sowie die Farmer to Farmer Campaign on Genetic Engineering unter den Mitgliedern. Letztere hat sich neben der gegenseitigen Unterstützung bei Gerichtsverfahren auch das Ziel gesetzt, die Zulassung weiterer gentechnisch veränderter Hauptanbaufrüchte zu verhindern (siehe auch das Interview mit Bill Wenzel in GID 189, August 2008). Stieß die zunehmende Verbreitung gentechnisch veränderter Pflanzen und Lebensmittel in den USA in den 1990er Jahren noch auf wenig Widerstand oder wurde von dem Gros der Bevölkerung sogar mit Wohlwollen begrüßt, so scheint sich diese Situation in den letzten Jahren geändert zu haben. Auch in Nordamerika ist die Gentechnikkritik ihrem Nischendasein entwachsen und zu einem Thema geworden, das breitere Bevölkerungskreise bewegt. Insbesondere im Zuge der bevorstehenden - beziehungsweise aus Sicht der KritikerInnen: befürchteten - Zulassung des ersten für die menschliche Ernährung vorgesehenen gentechnisch veränderten Fisches scheint eine Sensibilisierung der VerbraucherInnen stattzufinden. Den US-amerikanischen KonsumentInnen wird zunehmend bewusst, dass gentechnisch veränderte Lebensmittel eine Vielzahl von Risiken und Problemen mit sich bringen, dass es andererseits aufgrund der fehlenden Kennzeichnung jedoch kaum möglich ist, gentechnisch veränderte Produkte zu vermeiden und ausschließlich GVO-freie Produkte zu konsumieren. Angesichts dieses Fehlens einer verpflichtenden Kennzeichnung verwundert es nicht, dass Verbraucherverbände eine wichtige Sparte der gentechnikkritischen Bewegung ausmachen und dass Forderungen nach Kennzeichnung und Transparenz bezüglich der Produktinhaltsstoffe einen wichtigen Raum einnehmen. Doch auch wenn das Ausmaß des Widerstands geringer ist als in der EU, existiert inzwischen ein breites Netzwerk aus Akteuren, die sich in verschiedenen Aktionsformen und Kampagnen gegen die weitere Ausbreitung der Agro-Gentechnik auf dem Feld und in den Supermarktregalen einsetzen.

Erschienen in
GID-Ausgabe
203
vom Dezember 2010
Seite 10 - 12

Anne Bundschuh arbeitet beim Forum Umwelt und Entwicklung und koordiniert dort das Netzwerk Gerechter Welthandel. Von 2012 bis 2017 war sie Mitarbeiterin des GeN.

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Umfrageergebnisse zur Gentechnik-Akzeptanz in den USA

Wie stehen US-amerikanische VerbraucherInnen zu gentechnisch veränderten Lebensmitteln? Wer beginnt, sich mit dieser Frage zu beschäftigen, findet schnell eine Anhäufung von Prozentangaben, die manchmal nicht so richtig übereinstimmen wollen. Noch relativ klar erscheinen die häufig zitierten Umfragewerte des CBS: 53 Prozent der US-AmerikanerInnen wollen keine gentechnisch veränderten Lebensmittel konsumieren, und 87 Prozent von ihnen befürworten eine Kennzeichnungspflicht.(1) Aussagekräftiger sind jedoch Studien wie der „National Survey of Healthcare Consumers: Genetically Engineered Food 2010“, die einen ganzen Katalog an Fragen beinhalten. Demnach befürworten 95 Prozent der Befragten eine Kennzeichnungspflicht für gentechnisch veränderte Organismen. Diese Forderung geht jedoch nicht per se mit einer Ablehnung der Gentechnik einher, denn sechs von zehn Befragte sind durchaus zum Konsum von gentechnisch verändertem Gemüse, Obst und Getreide bereit. Deutlich niedriger ist hingegen die Akzeptanz von gentechnisch verändertem Fleisch und Fisch, die insgesamt weniger als vier von zehn Befragte essen würden.(2) Eine weitere Informationsquelle ist die jährliche Studie des International Food Information Council (IFIC). Deren Ergebnisse legen eine weitaus größere Akzeptanz der Gentechnik in der US-amerikanischen Bevölkerung nahe: 32 Prozent der Befragten stehen demnach gentechnisch veränderten Lebensmittelpflanzen „wohlwollend“ oder „sehr wohlwollend“ gegenüber, und acht von zehn Befragte würden aus gentechnisch verändertem Weizen hergestellte Lebensmittel kaufen. Besonders kontrovers erscheinen die Ergebnisse bezüglich der Produktkennzeichnung: Knapp zwei Drittel der Befragten erklären sich zufrieden mit der gegenwärtigen Kennzeichnungspraxis der FDA (siehe dazu auch den Beitrag von Christof Potthof in diesem Schwerpunkt), lediglich 18 Prozent vermissen bestimmte Informationen - und nur 3 Prozent von ihnen meinen damit Informationen über gentechnische Veränderungen.(3) Eine Erklärung für die unterschiedlichen Ergebnisse verschiedener Umfragen kann finden, wer den Wortlaut der gestellten Fragen betrachtet. So sind die Fragen der IFIC-Studie häufig mit positiven Aussagen über die Auswirkungen der Gentechnik verknüpft und suggerieren beispielsweise, dass der Anbau von gentechnisch verändertem Weizen mit einem geringeren Land-, Wasser- und Pestizidverbrauch einhergeht. Unter den Partnern des IFIC befindet sich übrigens die FDA; zu den Sponsoren gehören zahlreiche Unternehmen aus der Lebensmittel-, Landwirtschafts- und Getränkeindustrie, darunter Bayer Crop Science und Monsanto.
Fußnoten: (1) CBS News, 11.05.08 (www.cbsnews.com/stories/2008/05/11/eveningnews/ma…); www.nongmoproject.org/consumers/about-gmos/. (2) Lake Research Partners: „Americans in Near Unanimity in Their Disapproval of Genetically Engineered Fish and Meat in the Marketplace“, 20.09.10 (http://documents.foodandwaterwatch.org/release-FW…). (3) International Food Information Council (2010): „Consumer Perceptions of Food Technology“ Survey (www.foodinsight.org/Resources/Detail.aspxtopic=20…); Bonny, Sylvie (2003): „Why are most Europeans opposed to GMOs? - Factors explaining rejection in France and Europe“. In: Electronic Journal of Biotechnology, Vol.6, No.1, (www.ejbiotechnology.info/content/vol6/issue1/full…).
(Anne Bundschuh)