Rezension: Gene, ‚Rassen‘ und neue Biopolitiken

Seit Mitte der 1990er Jahre entstanden in mehreren Feldern der Lebenswissenschaften neue Zugriffe auf ‚Rasse‘. Waren vorher vor allem Absagen an biologische Rassekonzepte vorherrschend, wird mit den Mitteln molekularbiologischer Forschung nunmehr wieder eine Vielzahl an Stimmen laut, die für eine genetische Reformulierung ‚rassischer‘ Unterscheidungen plädieren. Dorothy Roberts, Professorin für Recht, Soziologie und Civil Rights hat mit ihrem Buch eine umfassende Studie vorgelegt, in der sie die aktuelle „Hervorbringung neuer Formen rassischer Politiken“ in den USA analysiert. Roberts untersucht dafür jene mit den technischen Mitteln der Genomik vollzogenen Verschiebungen in der Wissenschaft, der Politik und im Big Business. Detailliert zeichnet sie die Entwicklungen nach, die in der ethnisierenden Medizin, dem ‚rassenspezifischen‘ Medikament BiDil und genetischen Herkunftstests vollzogen werden. Sie zeigt auf, wie mit der Genomik, ‚rassische‘ Ungleichheit als molekulare Differenz statt als Folge sozialer Segregation darstellt wird. Aber sie begrenzt die Untersuchung nicht auf die Praktiken in den Lebenswissenschaften, sondern untersucht ebenso die gesellschaftlichen Effekte, die jene „Wissenschaft und Technologie rassischer Genetik“ hervorruft. Sie arbeitet heraus, wie die „neue Biopolitik der Rasse“ funktioniert, wie diese mit „genetischer Überwachung“, mit Gendatenbanken und einem Strafverfolgungssystem (das einem massiven racial bias unterliegt) besonders brutale Formen staatlicher Kontrolle auf der Basis von ‚Rasse‘ erzeugt. Anders als manche zeitgenössischen AnalystInnen affirmiert sie damit aktuelle Rassekonzepte nicht als Ausdruck einer liberalen Biosozialität, sondern zeigt vielmehr, wie der Blick auf die Moleküle den Blick auf soziale Ungerechtigkeiten zu verstellen droht. Deutlich wird dabei, wie konservative Weltbilder der color-blind society mit liberalen wissenschaftsgläubigen Sichtweisen einer vermeintlich neutralen Biologie der ‚Rassen‘ zusammengehen können. Die Suche nach genetischen Antworten auf soziale Fragen erhalte somit gerade unter der Vorstellung eines „postrassischen“ Amerikas einen neuen Sinn und die Genomik verstärke die Vorstellung von ‚Rasse‘ als einer biologischen Kategorie.

Roberts, Dorothy: Fatal Invention. How Science, Politics, and Big Business Re-create Race in the Twenty-first Century, The New Press (2011), 388 Seiten, 16,99 Euro, ISBN: 1-59558-834-5.

Tino Plümecke arbeitet derzeit als Postdoc an der Universität Freiburg in der Forschungsgruppe “Human Diversity in the New Life Sciences: Social and Scientific Effects of Biological Differentiations” (SoSciBio), die sich den Konzepten zur Humandifferenzierung in den neuen Lebenswissenschaften widmet.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
218
vom Juni 2013
Seite 45

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