Rezension: Meine Gene, mein Leben...

...meine Güte! Das jedenfalls dachte ich beim Anblick der gerade erschienenen deutschen Übersetzung des neuen Buches von Francis Collins. Eine quietschend bunte Doppelhelix, die von Nahem an eine aus den Bestandteilen eines Chemiebaukastens zusammengezimmerte Hängebrücke erinnert, schlängelt sich in die Tiefe des Raumes, natürlich hinauf und nicht hinab. Das ist er, schreit es via Untertitel von der Hängebrücke, der Weg zur personalisierten Medizin! Auch auf den Umschlagseiten wird weiter gebrüllt: Von „eher seltenen Krankheiten“, die „auf fehlerhafte Gene zurückzuführen“ seien und von denen „Millionen von Menschen“ betroffen sind, und von der „nun anstehenden Revolution in der Medizin“. Beinah also hätte ich das Buch, das ein paar Wochen auf der Bestsellerliste der New York Times stand, wieder weggelegt. Aber ich wollte nicht so schnell aufgeben. Schließlich schien mir sein Autor, der Humangenetiker Francis Collins, derzeitiger Direktor der National Institutes of Health und langjähriger Leiter des Humangenomprojektes, bisher als ein tendenziell weniger verbohrter Vertreter seiner Zunft. Und außerdem: Was kann der für die Dummheit der Warenwelt. Also hab ich angefangen zu lesen. Dann doch zum nächsten Kapitel weitergeblättert. Wieder angefangen zu lesen. Wieder weitergeblättert. Es half nichts, es wurde einfach nicht besser. Allein diese Berühmter-Naturwissenschaftler-lässt-sich-in-die-Niederungen-der-Alltagskommunikation-herab-Position, etwa das ständige Wir, um die LeserInnen auch ja mitzunehmen! Oder diese lächerliche Vermenschlichung: Von „Missetätern in der DNA“ ist da die Rede, von Genen, die Fehler machen, oder von SNPs, die sich sozial verhalten, weil sie immer in Gruppen auftreten. Inhaltlich besteht das Buch im Wesentlichen aus Erfolgsgeschichten, gewürzt mit ein paar Irrtümern und Holzwegen - so ist sie eben, die Wissenschaft, schmunzelt es da aus den Texten, das sind alles nur Umwege auf dem Weg wahrer Erkenntnis. Als Element der Erzählung besteht ihre Funktion darin, die allzu durchsichtige Botschaft des Buches zu untermauern: Das Fortschreiten der Genomforschung ist Fortschritt. Interessant wäre Collins‘ Abhandlung allenfalls als Gegenstand einer sozialwissenschaftlichen Untersuchung über die Vermittlung biomedizinischer ‚Wahrheiten’ - lesenswert wird das Buch dadurch nicht.
Uta Wagenmann
Francis Collins: Meine Gene - mein Leben. Auf dem Weg in die personalisierte Medizin. Spektrum Akademischer Verlag Heidelberg (2011), 388 Seiten, 24,95 Euro, ISBN 978-3-8274-2777-9.

GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
209
vom Dezember 2011
Seite 48