Editorial: Persönliches #1 ... das Abiturfest


Meine KollegInnen sagen, wir sollten im Editorial ein bisschen persönlicher sein. Herrn X, wie ich ihn hier mal nennen möchte, war zum Beispiel aufgefallen, dass in anderen Editorials immer so nett über den Büroalltag geschrieben wird... und wer liebt nicht auch die Selbstbeweihräucherungen in den Hausmitteilungen des Spiegel? Am vergangenen Wochenende war ich also in der niedersächsischen Provinz. Das Abitur jährte sich in einer feierwürdigen Anzahl und so kam es, dass sich die Gelegenheit bot, dort in der „Was-machst-Du-denn-jetzt-Frage-und-Antwort-Endlosschleife” ein paar Runden zu drehen. Nun denn, nicht dass ich es nicht geahnt hätte, aber es begab sich, dass wir auch über meine eigene Arbeit zu sprechen kamen. „Gen-ethisches Netzwerk - was soll denn das sein?” „Naja, ein Verein, der sich schon seit mittlerweile mehr als zwanzig Jahren kritisch mit Gen- und Reproduktionstechnologien beschäftigt.” „Seit mehr als zwanzig Jahren? Damals gab es doch noch gar keine Gentechnik”, war dann nicht selten die Reaktion. „Doch, doch, die gab es damals schon. Zwar steckte sie da noch in den Kinderschuhen, aber es gab sie”, habe ich dann immer brav beteuert. Und als ich dann noch weitere Details aus meinem beruflichen Alltagsleben berichtete, zeigte sich, dass auch meine Ehemaligen der Gentechnik mehr als kritisch gegenüberstehen. So bekamen die Statistiken, die wir im Büro immer wieder auf den Schreibtisch bekommen - 80 Prozent der Bundesbürger wollen keine Gentechnik in ihrem Essen undsoweiter - langsam ein ungewohntes Gesicht, nämlich das meines alten Abiturjahrgangs. Das war, muss ich gestehen, etwas verwirrend, aber nach einer gewissen Gewöhnungsphase auch ganz schön. Nun gut, zu dieser Sache mit dem Alter passt ein Zitat, das ich unlängst aufschnappte. Der Autor bezog es im konkreten Fall auf die Auseinandersetzungen um Patente und Nachbaugebühren für Saatgut (siehe dazu den Schwerpunkt dieser Ausgabe), aber sicher nicht ausschließlich. Vielmehr kann es auch als Aufmunterung im politischen Alltag herhalten: „Wir müssen sehr ungeduldig sein ... und brauchen viel Geduld!”

Erschienen in
GID-Ausgabe
190
vom Oktober 2008
Seite 2

GID-Redaktion

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