Das Gier-Gen

Der Frankfurter Zukunftsrat fordert Gentests für Führungskräfte

In „7 Thesen zur Neuroökonomie“ behauptet der Frankfurter Zukunftsrat, der Schlüssel zur Bewältigung der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise liege in den Händen der Gen- und der Hirnforschung. Das illustre Gremium, dem neben einschlägig Bekannten wie Stammzellforscher Oliver Brüstle und Hirnforscher Christian Elger auch Wolfgang Clement (Ex-SPD), Friedrich Merz (CDU), Bevölkerungsforscherin Charlotte Höhn und Philosoph Peter Sloterdijk angehören, fordert konsequenterweise einen Gentest für Führungskräfte.

„Gier nach Geld auch genbedingt“, heißt es am 17. Juni in der Berliner Zeitung, und zwei Tage später verkünden die Potsdamer Neuesten Nachrichten: „Gentest für Führungskräfte gefordert. Studien belegen: Gier ist angeboren“.1 Die Quelle dieser Nachrichten sind 7 Thesen des Frankfurter Zukunftsrates zur Neuroökonomie.2 In dessen Presseerklärung heißt es unter anderem: „Der Mensch reagiert auf kurzfristige Gewinne oder die Aussicht auf Geld wie Kokain“ (These 2) und: „Das gierige Finanzverhalten herrscht bei vielen Menschen genbedingt unermüdlich und macht abhängig.“ (These 3)

Neuroökonomie

Sind Spitzenmanager als gengesteuerte Finanzjunkies also von jeder Verantwortung für ihr Tun entlastet? Wolfgang Clement und Friedrich Merz sowie der Neurologe Christian Elger und seine Kollegen Oliver Brüstle (Neuropathologe) sowie Armin Falk (Experimentalökonom) scheinen das behaupten zu wollen. Sie haben das Thesenpapier am 3. Juni 2009 bei einem Treffen im Life & Brain Center des Universitätsklinikums Bonn gemeinsam vorbereitet. Hirnforscher Elger gilt als einer der führenden Köpfe seiner Zunft. Im Jahr 2000 hat er zusammen mit sieben Kollegen das „Jahrzehnt des menschlichen Gehirns“ ausgerufen, das deutsche Pendant zu der 1990 von US-Präsident George H. W. Bush für die USA verordneten Dekade des Gehirns. Wolfgang Clement, damaliger Wirtschaftsminister von Nordrhein-Westfalen, übernahm gleich zu Beginn für die deutsche Initiative die Schirmherrschaft.

Neoliberale Schlagseite

In der Arbeitsgruppe „Wirtschaft & Politik“ des Frankfurter Think Tanks arbeiten Clement und Elger heute erneut zusammen. Die neoliberale Schlagseite ist schon in der Zielformulierung des elitären Clubs nicht zu übersehen: Es geht um die „Anpassung der Politik an den globalen Wettbewerb“.3 Dabei helfen soll ein neuer Wissenschaftszweig: die Neuroökonomie. Das ist eine Verbindung von Betriebswirtschaft und Hirnforschung, die das Kaufverhalten von Konsumenten oder die Investitionsentscheidungen von Unternehmern vorherzusagen und zu beeinflussen versucht. Clement, Merz & Co sind vom Erkenntniswert der ausgesprochen wirtschaftsnahen Disziplin so sehr überzeugt, dass sie empfehlen, künftig „Entscheidungsprozesse und Institutionen auch mit Hinblick auf die Neuroökonomie zu gestalten. Das gilt zum Beispiel für die betriebliche Personalpolitik (Anreize) aber auch für die „konkrete Gestaltung von Gesetzen und staatliches Handeln“. Was das konkret heißen kann, deuten sie in These 7 zumindest an: „Leitungsgremien sollten ohne genbedingte ‚Finanzgier’ eingestellt werden.“

Ablenkungsmanöver

Das Thesenpapier leistet somit einem biologischen Reduktionismus Vorschub, der komplexe gesellschaftliche Zusammenhänge auf eine molekularbiologische Mikroebene zurückführt. Banker und Investoren agieren als bloße Sklaven ihrer vererbten Anlagen, die ihrer Gier nach immer mehr Profit nicht Herr werden können. Die Gierdiskussion ist insofern ein Manöver, mit dem seit Beginn der Finanzmarkt- und Weltwirtschaftskrise von ihren systemischen Ursachen und Lösungsmöglichkeiten abgelenkt wird. Als weltumspannende Überproduktionskrise ging sie aus den Gesetzmäßigkeiten der kapitalistischen Akkumulationsdynamik und deren Verwertungszwängen hervor. Trotz aller „Gier“ und verbrecherischer Energie - Spitzenmanager und Banker trifft daher nicht die Hauptverantwortung für das Platzen der Spekulationsblase. Auch sie handelten auf der Basis politisch gewollter Reduktion der Regulierung einer stets neue Ungleichheit erzeugenden Produktionsweise und deren Expansionsdynamik. Appelle an die Vernunft der Manager oder eine bessere Auswahl des ökonomischen Spitzenpersonals werden der Komplexität des gesellschaftlichen Problems dagegen nicht gerecht - ob mit Gentests oder ohne. Gefährlich wird die „Gier-These“, wenn man sie zur Diskriminierung von Menschen heranzieht, wie These 7 es fordert. Würden Gentests tatsächlich zu einem legalen Einstellungskriterium in Unternehmen, Behörden und anderen Institutionen, wäre das ein elementarer Verstoß gegen die Menschenwürde. Unternehmen und Versicherungen versuchen seit Jahren weitreichende Einsicht in die Gendaten ihrer Kunden und Mitarbeiter zu erlangen. Das im April diesen Jahres von Union, SPD und FDP verabschiedete Gendiagnostikgesetz schränkt diese Nutzung deutlich ein. Die Forderung nach Gentests für Banker und Investoren mutet wie der plumpe Versuch an, das Thema durch die Hintertür der Finanzgierdebatte wieder auf die Tagesordnung zu setzen.

Welches Fundament?

Auch um die wissenschaftliche Fundierung der Zukunftsratsthesen ist es schlecht bestellt. Die Behauptungen des Zukunftsrats stützen sich eigenen Angaben zufolge auf einen Aufsatz von Camelia Kuhnen und Joan Chiao mit dem Titel „Genetic determinants of financial risk taking“ vom Februar 2009.4 Kuhnen und Chiao sind mit ihren Thesen aber eher vorsichtig: Ihnen sei es bisher nicht gelungen, jene Genvarianten zu identifizieren, die finanziellen Risikoentscheidungen zugrunde liegen. „Obwohl die Auswirkungen, die wir hier dokumentieren, eine kausale Beziehung zwischen dem Genotyp und dem Risikoverhalten von Individuen andeuten, erlauben unsere Daten nicht, einen Kausalitätszusammenhang sicher nachzuweisen.”5 Wie kommt dann aber der Frankfurter Zukunftsrat zu seiner Behauptung, es gäbe eine „genbedingte ‚Finanzgier’“? Um diesen Widerspruch aufzuklären, befragte der Autor Christian Elger, der als Urheber der „7 Thesen zur Neuroökonomie“ gilt. Überraschend distanzierte dieser sich umgehend von der ihm vorgelesenen Zukunftsratsthese: „Leitungsgremien sollten ohne genbedingte „Finanzgier“ eingestellt werden.“ „Das ist völlig überzogen“, sagte er spontan, da habe die Presse übertrieben.

Fragwürdige Öffentlichkeitsarbeit

Wie kann das sein? Elger bestätigte gegenüber dem Autor zwar seine Autorenschaft für die Zukunftsratthesen. Die Presseerklärung dazu habe er allerdings noch nicht zu Gesicht bekommen. Die zitierte Formulierung stamme jedenfalls nicht von ihm und sei total übertrieben. In der Geschäftsstelle war man um Schadensbegrenzung bemüht. Jane Uhlig äußerte sich überschwänglich über den Rang der wissenschaftlichen Arbeit Elgers und zeigte sich überrascht davon, dass die Koryphäe sich anscheinend von ihren eigenen Thesen distanzierte. Man habe deren Inhalt gerade so belassen, wie ihn Elger eingereicht habe, erläuterte sie. Lediglich „Zwischenüberschriften“ seien in der Geschäftsstelle ergänzt worden, damit der ansonsten zu trockene Text für Zeitungsleser verständlicher würde. Im Übrigen verstehe sie gar nicht, was an den Thesen verwerflich sein solle. Immerhin habe sie deren Aussagen bei einem Treffen mit 18 Journalisten der wichtigsten Medien bereits diskutiert und von denen sei nicht der geringste Einwand vorgebracht worden.6

Erschienen in
GID-Ausgabe
195
vom September 2009
Seite 35 - 36

Thomas Wagner ist Soziologe und Erwachsenenbilder und schreibt als freier Autor unter anderem für die Junge Welt, die Süddeutsche Zeitung, den Freitag, die Woz und die Zeit.

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