Rezension: Experimentalisierung des Menschen

Experimentalisierung des Menschen

Eine lesenswerte Studie zur Geschichte der Humangenetik in Deutschland hat Alexander von Schwerin vorgelegt. Er analysiert die historischen Verbindungen von experimenteller Genetik und menschlicher Erblehre am Beispiel des Zoologen und Genetikers Hans Nachtsheim. Nachtsheim hat für die Humangenetik in der BRD unschätzbare Dienste geleistet. Als überzeugender Kritiker der Rassenkunde und seiner NS-affinen Kollegen konnte er die Reintegration der deutschen Erbforscher in die internationale Forschungsgemeinschaft und national die institutionelle Etablierung der Humangenetik als medizinisches Forschungsfach vorantreiben. Dabei kam dem Humangenetiker Nachtsheim sein Selbstverständnis zugute: Er sah sich als experimenteller Wissenschaftler. Seine Arbeit steht exemplarisch für ein Forschungsfeld, in dem das Wissen über die Vererbung beim Menschen experimentell erzeugt wurde. Nach 1945 wurde die vermeintliche Exaktheit des naturwissenschaftlichen und genetischen Experiments gegen die beschreibenden und messenden Methoden der Anthropologen, menschlichen Erbforscher und Rassenkundler argumentativ in Stellung gebracht, ganz so, als verliefe die Grenze zwischen unbelasteter Forschung und biopolitisch schmutziger Wissenschaft entlang dieser Unterscheidung. Gerade die experimentellen Genetiker entwickelten aber neben der herkömmlichen Degenerationslehre und Rassenhygiene spezifisch eigene Vorstellungen über die Bedrohung des Volksbestandes und die Notwendigkeit einer effektiven staatlich-repressiven Erbhygiene. Neben der Eugenik bildeten neue genetische Konzepte und Annahmen über das Wesen der Krankheiten die Voraussetzungen dafür, dass sich eine "Experimentalkultur" formieren konnte. Die "Experimentalisierung" des humanwissenschaftlichen Wissens, das zeigt die detailreiche Studie, war kein triviales Ereignis, sondern mit einer spezifischen gesellschaftlichen und epistemischen Konstellation verknüpft. Dass Menschen dabei zum Objekt von Experimenten wurden, war nicht exklusiv an den rassistischen Konsens im NS gebunden. In Zeiten der Genomforschung gewinnt Schwerins umfangreiche historische Studie eine unerwartete Aktualität: In der vergleichenden Erbpathologie der zwanziger und dreißiger Jahre dienten Kaninchen und Mäuse als Modell für menschliche Erbkrankheiten, und die Ergebnisse aus den Tierexperimenten wurden mit Daten der Humangenetiker verglichen. Schwerin zeigt, dass sich die enge Zusammenarbeit zwischen Genetik und Humangenetik auf einem ähnlichen methodischen Tableau vollzog, wie es sich heute in der Genomforschung als Zusammenspiel von Genetik, klinischer Forschung und Konstruktion von Tiermodellen herausgebildet hat. Hier liegt auch die besondere politische Brisanz der Studie: Damals wie heute kommt dem Zugriff auf menschliche Körpermaterialien eine Schlüsselrolle zu.

Erschienen in
GID-Ausgabe
168
vom Februar 2005
Seite 55

Uta Wagenmann war Mitarbeiterin des GeN und GeN-Vorstandsmitglied.

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