Rezension: Anthropozän - die Welt vom Menschen gemacht

Man muss sich Christian Schwägerl als einen engagiert verwirrten Menschen vorstellen. An seiner Verwirrung lässt der Spiegel-Redakteur die geneigte Leserschaft nun mit seinem Buch „Menschenzeit“ teilhaben. Ausgehend von dem vor zehn Jahren erschienenen Artikel des Chemikers Paul Crutzen, in dem dieser vorschlägt, das aktuelle geologische Zeitalter entsprechend der Prägung der Welt durch den Menschen „Anthropozän“ (anthropocene) zu nennen, entwirtft Schwägerl ein Bild von einer Welt, die den Bach runtergeht. Doch es gibt Hoffnung. Diese Hoffnung liegt für Schwägerl irgendwo zwischen den Erinnerungen an eine Naturschutz-Vergangenheit und einer nicht enden wollenden Reihe von kleinen technisierten Zukunfts-Szenarien. Erstere lässt Schwägerl immer wieder beschreiben, welche Tierart sich neuerdings in welchem - anthropogenen - Umfeld angesiedelt hat und sich dort anscheinend gut zurecht findet. Dem gegenüber stehen Science-Fiction-Episoden über künstliche Biosphären, Bionik, Gentechnik und ähnliches. Der Kultur- und Wissens-Redakteur mischt Themen wie ein Kreuzworträtsel, alles ist mit allem irgendwie verknüpft. Aber es sind - wie im Kreuzworträtsel - nur Begriffe und Buchstaben, die hier zusammenpassen, ein inhaltlicher Zusammenhang erschließt sich nicht. Nicht zu vergessen: Einen besonderen Narren hat Schwägerl an den Statistiken dieser Welt gefressen. Wieviel Zement in Deutschland seit dem Jahre 1948 verarbeitet wurde? Schwägerl hat die Zahl und weiß sie in einen anthropozänen Zusammenhang zu stellen. Mit Liebe zum Detail sieht er den Wald vor lauter Bäumen nicht.
Christof Potthof
Christian Schwägerl: Menschenzeit. Zerstören oder gestalten? Die entscheidende Epoche unseres Planeten. Riemann Verlag (2010), mit umfangreichem Quellennachweis, 319 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3-570-50118-4.

Erschienen in
GID-Ausgabe
203
vom Dezember 2010
Seite 44