Rezension: Biohacking - Gentechnik aus der Garage
In den Medien ein mittlerweile gern genommenes Aufreger-Thema: Biotech- und Gentech-Amateure basteln in Hinterhöfen und Garagen neue Organismen zusammen; im schlimmsten Falle sogar Biowaffen. Ausgestattet mit im Internet-Auktionsportal eBay ersteigerten oder anderweitig im Netz bestellten Utensilien wird abseits jeglicher Kontrolle und ohne Rücksicht auf Verluste an Genen geschnipselt. Die Wissenschaftsjournalisten Hanno Charisius, Richard Friebe und Sascha Karberg haben sich diesem Thema angenommen und ein sehr lesenswertes Buch geschrieben. Egal wie der geneigte Leser, die geneigte Leserin, zu diesem Thema steht: Den drei Autoren gelingt eine realistische und sehr gut zu lesende Beschreibung der aktuellen Situation. Zuweilen hätte ich mir gewünscht, dass Beschreibungen und deren Interpretation nicht derart eng verknüpft präsentiert werden. Denn die drei scheinen unverbesserliche Optimisten zu sein, was ihren Glauben an ein „aufgeklärtes Bio-Bürgertum“ angeht. Für LeserInnen, die einem solchen nicht schon vor dem Lesen angehören, dürfte es zuweilen schwer sein, Fakten und Meinungen zu trennen. „Biohacking“ ist in weiten Teilen eine Innenansicht, da die drei auch selbst aktiv geworden sind. Sie haben Laborutensilien und Genschnipsel bestellt (und bekommen) und versucht damit weiterzuarbeiten. Sie haben verschiedenste Labore und Akteure besucht und sind so in der Lage, ein lebhaftes Bild der Szene der Laien-Biotechnologen zu zeichnen. Damit nicht genug, findet sich in ihrem Buch noch einiges über Wissenschaft und Hacker, zum Beispiel ein durchaus interessantes - und überraschendes - Kapitel zu Bürger-Wissenschaften und ihren historischen Wurzeln. Auch hier Lob von meiner Seite, obwohl ich nicht verschweigen möchte, dass es meiner Einschätzung nach einer genaueren Darstellung früherer akademischer Wissenschaftswelten bedurft hätte, um die Abgrenzung zu den Amateuren wirklich deutlich zu machen. Charisius, Friebe und Karberg stellen - last but not least - eine Reihe von wichtigen Bezügen zu aktuellen gesellschaftlichen beziehungsweise gesellschaftspolitischen Diskussionen her, naheliegenderweise mehrmals zu denen im Kontext von Biosicherheit. Was mir jedoch am Ende des Buches gefehlt hat, das ist ein weiterer Aspekt des politischen Blicks auf die Umgebung der Bürgerlabore, „Hackerspaces“ oder wie auch immer wir diese Orte nennen wollen. Praktisch nie geht es in „Biohacking“ explizit um Macht. Insbesondere bleibt die real existierende Macht im Bereich von Wissenschaft und Technologien und insbesondere der Einfluss biotechnologischer und/oder pharmazeutischer Großkonzerne nur angedeutet. Darüber wird zu reden sein: Mit Charisius, Friebe und Karberg, aber auch mit den Bio-HackerInnen ... eigentlich mit allen, die Lust haben, sich an den zukünftigen Debatten zu beteiligen. Denn an einer Stelle teile ich die Einschätzung der Autoren: Biotechnologien und ihre Produkte werden sich in der einen oder anderen Form weiter in unserem Alltag breit machen. Ob sich der Wandel so radikal vollziehen wird, wie dies bei dem Einzug der Computer in fast jeden Lebensbereich vonstatten ging, muss für den Moment offen bleiben. Aber ein Wandel wird stattfinden und „Biohacking“ ist ein wichtiger Baustein der diesbezüglichen Debatten.
Christof Potthof
Hanno Charisius, Richard Friebe und Sascha Karberg: Biohacking - Gentechnik aus der Garage. Hanser-Verlag (2013), 288 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-446-43502-5.