Rezension: Der Einbruch der Rassenhygiene in die Medizin
Der Einbruch der Rassenhygiene in die Medizin
In seinem Buch befasst sich Autor Jürgen Peter mit den "Auswirkungen rassenhygienischen Denkens auf Denkkollektive und medizinische Fachgebiete von 1918 bis 1934"; er untersucht also, ob und inwieweit die Rassenhygiene zwischen Ende des ersten Weltkrieges und dem Inkrafttreten des nationalsozialistischen "Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" am 01.01.34 bereits in die Medizin einbrechen konnte. Dabei zeigt er auf, dass der Glaube an die "Überlegenheit der arischen Rasse", den Wissenschaftler bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts predigten, einen nicht unwesentlichen Beitrag zu Hitlers Machtübernahme leistete. Überaus detailliert dokumentiert Peter die Beeinflussung aller relevanten medizinischen Fachgebiete wie Gynäkologie und Psychiatrie durch die Rassenhygiene sowie die rassenhygienische Genetifizierung der Medizin am Beispiel von Tuberkulose und Alkoholismus. Darüber hinaus beschäftigt er sich eingehend mit der populistischen Entwicklung der Abstammungslehre hin zur rassenhygienischen Bewegung und zeichnet dabei Denkweisen und pseudo-wissenschaftliche Theorien nach, die das damalige Denken vieler Menschen geprägt haben. Dem Leser des "Einbruchs der Rassenhygiene in die Medizin" mag es gelegentlich schwerfallen, überhaupt weiterzulesen, so unglaublich erscheint aus heutiger Sicht die Theorie von der Überlegenheit einer Rasse über die andere und die daraus resultierenden verheerenden wissenschaftlichen und politischen Folgerungen. Peter enthält sich jeglicher Wertung, auch stellt er keinerlei Bezug zur Gegenwart her. Dennoch ergeben sich einige Fragen von ganz allein: Was passiert mit unserer Gesellschaft, wenn wir uns ohne Zweifel und Kritik auf alle Möglichkeiten der modernen Medizin einlassen? Wenn wir Theorien von Wissenschaftlern und Ärzten Glauben schenken, ohne sie zu hinterfragen? Das Buch ist somit nicht nur im historischen Kontext interessant. Die behandelte Thematik ist nach wie vor aktuell und gibt zu denken: Inwieweit trägt die medizinische Wissenschaft auch heute dazu bei, Standards zu setzen, welche Form von Leben "unzumutbar" ist und welche nicht?
Nele Jensch absolviert seit August 2003 ein Freiwilliges Ökologisches Jahr beim Gen-ethischen Netzwerk.