Rezension: Neuromythologie

Muss dieses Buch wirklich gelesen werden? Diese Frage stellt Felix Hasler seinen Leserinnen und Lesern gleich auf der ersten Seite. Aus Autorensicht kann die Frage natürlich nur mit „ja“ beantwortet werden. Doch schnell zeigt sich, dass die Streitschrift gegen den Welterklärungsanspruch der Neurowissenschaften eine Lücke schließt, die längst schon hätte gefüllt werden sollen. Die Gegenwartsdiagnose, gegen die Hasler anschreibt, lautet wie folgt: Die Hirnforschung hat der Molekularbiologie den Rang abgelaufen, wenn menschliche Eigenschaften und Verhaltensweisen biologisch erklärt werden sollen. Waren es in den 90er Jahren noch die Gene, die für unsere Identität verantwortlich gemacht wurden, ist es heute das Gehirn. Es verleiht uns Bewusstsein, ist verantwortlich für psychische Erkrankungen und kriminelle Handlungen und wird bisweilen sogar bemüht, um die Existenz eines freien Willens zu negieren. Eine ganzheitliche Betrachtung menschlicher Identität wird durch eine Sichtweise auf „isolierte zerebrale Subjekte in einem sozialen Vakuum“ ersetzt - um eine besonders prägnante Beschreibung des Autors zu verwenden. In zehn Kapiteln geht Hasler Schritt für Schritt auf Erkenntnisse der Neurobiologie ein - um ihre empirischen Grundlagen zugleich ebenso nachvollziehbar zu demontieren. Was am Ende übrig bleibt, ist oft nicht viel mehr als „neuromythologische“ Glaubens-Annahmen, die trotz fragwürdiger empirischer Evidenzen als Standardwissen gelten. Bei der Umsetzung seines Vorhabens, die Grenzen neurowissenschaftlicher Erkenntnismöglichkeiten zu Geist und Bewusstsein aufzuzeigen, kommt dem Autor die eigene berufliche Biografie zugute: Er blickt nicht nur auf eine eigene zehnjährige Forschungstätigkeit im Fachgebiet zurück, sondern ist als Wissenschaftsjournalist auch in der Lage, Fachkenntnisse in verständlicher Sprache auszudrücken. Besonders deutlich zeigt sich dies an zwei seiner Kapitel, die in Auszügen bereits in Zeitungen veröffentlicht wurden - und die, das sei hier kritisch angemerkt, vom Schreibstil des restlichen Buches abweichen. Doch auch insgesamt ist das Buch in Anbetracht der komplexen Materie vergleichsweise leicht zu lesen. Die Bauchschmerzen, die die Leserin ob der reduktionistischen Vorstellung menschlichen Daseins befallen mögen, sind wohl kaum dem Autor in die Schuhe zu schieben. Mein Fazit daher: Dieses Buch ist nicht nur notwendig, sondern macht auch Spaß.
Anne Bundschuh
Felix Hasler: Neuromythologie. Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung. Transcript Verlag (2012), 254 Seiten, 22,80 EUR, ISBN 978-3837615807.

GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
218
vom Juni 2013
Seite 45

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