Rezension: Re-Biologisierung der Gesellschaft
Was hat die Eröffnung eines „prähistorischen Restaurants“ in Neukölln mit dem Kindchenschema von Lorenz und der Entwicklung eines Medikaments für AfroamerikanerInnen zu tun und wie verortet sich die biologisch-dynamische Landwirtschaft in Bezug auf völkisch-rassistische Traditionslinien? In dem Sammelband von Annett Schulze und Thorsten Schäfer wird aus unterschiedlichen Perspektiven dem Phänomen nachgegangen, das sie als „Re-Biologisierung der Gesellschaft“ bezeichnen. Die Aufsätze beleuchten aktuelle Verschiebungen und Kontinuitäten (sozial)rassistischer Diskurse entlang der Sarrazin-Debatte, problematisieren die humanbiologische Wissensproduktion des 20. Jahrhunderts im Hinblick auf Entstehungsprozesse und ordnungspolitische Durchsetzung und setzen sich mit der permanenten Reaktualisierung biologischer „Rasse“-Konzepte in der lebenswissenschaftlichen Forschung auseinander. Die Anschlussfähigkeit der Ökologiebewegung an völkisch-rassistische Ideologien wird historisch nachgezeichnet - der Bogen ist hier weit gespannt: vom Nationalsozialismus über eine aktuelle völkische Siedlerbewegung in Norddeutschland bis hin zu alternativen Ernährungskonzepten und den darin implizierten Körper- und Gesundheitsbildern. Es wird ausdrücklich nicht nur ein Diskurs gepflegt, sondern eindrücklich auf die Notwendigkeit hingewiesen, antirassistische Kritik kontinuierlich zu aktualisieren, ohne Traditionslinien und Kontinuitäten des historischen biologischen Rassismus aus den Augen zu verlieren. Der Band bietet etliche Ansatzpunkte, je nach gesellschaftlichem Interventionsfeld, die Naturalisierung sozialer Verhältnisse und die Verlagerung gesellschaftlicher Verantwortung ins einzelne Individuum anzugreifen.
Anja Fugo-San und Astrid Schmidt
Anett Schulze, Thorsten Schäfer (Hrsg.): Zur Re-Biologisierung der Gesellschaft: Menschenfeindliche Konstruktionen im Ökologischen und im Sozialen. Alibri (2012), 209 Seiten, 16 Euro, ISBN: 978-3-86569-088-3.