Rezension: Technopathogenologie

Der Begriff, gleichzeitig Buchtitel, mutet in seiner Länge fast barock an. Dahinter verbirgt sich jedoch ein sehr schlüssiges Konzept. Neue Techniken haben manchmal unerwartete negative Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit (Technopathogenien). Wenn diese sich erst im Laufe einer Technikfolgenabschätzung herausstellen, ist der Schaden bereits groß: wirtschaftlich, weil die Technik zu Ende entwickelt und bereits in der Anwendung ist (sie zu modifizieren oder zurückzuziehen bedeutet, dass Entwicklungskosten steigen oder in den Sand gesetzt sind) und medizinisch, weil Menschen schon an den Folgen leiden. Als Abhilfe schlagen die Autoren Eguiazu und Motta vor, schon während der Technikentwicklung gründlich nach möglichen Ursachen für Technopathogenien zu forschen, sodass bereits früh ungefährliche Alternativen gefunden werden können. Diese Ursachenforschung, die Technopathogenologie, solle als neue technische Disziplin in Forschung, Lehre und Entwicklung als conditio sine qua non flächendeckend eingeführt werden. Bei der Lektüre des Buches setzt sich schnell die Erkenntnis durch, dass hier ein theoretischer Hintergrund für Defizite in der Entwicklung einer Reihe von umstrittenen Techniken geliefert wird, vom Mobilfunk über die Nano- bis zur Gentechnik. Erläutert wird in diesem Zusammenhang auch, warum negative Ergebnisse einer Technikfolgenabschätzung von den Anwendern der untersuchten Technik mit allen Mitteln bekämpft werden, wie das im Fall Séralini und seinen Fütterungsversuchen von Ratten mit GVO-Mais gerade vorgeführt wird (siehe auch GID 216). Das Buch hat einige Redundanz - für mich ein Zeichen dafür, gegen welchen Druck die Autoren anschreiben mussten. Ihr Konzept entstand in den 80er und frühen 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Rosario/Argentinien während eines Projekts zur Vermeidung von Aflatoxin (ein natürlich vorkommendes Pilzgift) in Mais. Sie haben sich dabei nicht nur mit den Lagerbedingungen für Maiskörner beschäftigt, sondern auch die Einflüsse der Maiszucht auf die Anfälligkeit für Schimmelbefall untersucht. Sie müssen zu einer Zeit, in der sich in Argentinien der Anbau von GVO ausgebreitet hat, gewaltige Störenfriede gewesen sein. 2002 wurden sie - folgerichtig - gewaltsam aus ihrem Institut vertrieben. Dem Buch ist, in unser aller Interesse, große Verbreitung und dem Konzept schneller Erfolg zu wünschen!
Elisabeth Bücking
Guillermo Miguel Eguiazu und Alberto Motta: Technopathogenology. Technology and Non-Evident Risks - A Contribution to Prevention (englisch). Peter Lang (2012), 772 Seiten, 109,50 Euro, ISBN: ISBN 978-3-0343-0612-6.

Erschienen in
GID-Ausgabe
217
vom April 2013
Seite 44