Rezension: Geschichte der Geschlechterordnung

Drei Naturwissenschaftler, die sich als Organisatoren oder Direktoren der Kaiser-Wilhelm-Institute für Biologie und Biochemie in Berlin-Dahlem einen Namen machten, stehen im Mittelpunkt dieses spannenden Buches: Theodor Boveri, Richard Goldschmidt und Adolf Butenandt. Vor der Folie der politischen Umbrüche von der Kaiserzeit über den Nationalsozialismus bis in die 1950er Jahre rekonstruiert Helga Satzinger minutiös ihre Experimente und Theorien, ihre Arbeits- und Lebenszusammenhänge, politischen Einstellungen und Visionen „medizinischer oder biotechnischer Intervention in organische und soziale Zusammenhänge“ (S. 426). Alle drei trugen zur Begründung und Ausdifferenzierung der Genetik bei, indem sie die Frage der Vererbung und Ausbildung des Geschlechts zum „paradigmatischen Fall“ des Erkenntnisfortschritts erhoben (S. 27). Dabei nutzten sie, so Satzinger, die binär aufgefasste Geschlechterdifferenz als Instrument, um die Gleichheit und Unterschiede von experimentell manipulierten Lebewesen identifizieren und interpretieren zu können. Dennoch waren ihre Auffassungen der Geschlechterdifferenz höchst unterschiedlich, sie reichten von einem Antagonismus-Modell (Butenandt) bis hin zu einem Kontinuum-Konzept (Goldschmidt). Die Autorin verdeutlicht zudem Parallelen zwischen dem Geschlechterverständnis der Wissenschaftler und ihrem Einsatz für oder gegen die wissenschaftliche Tätigkeit von Frauen zu einem Zeitpunkt, als der Zugang von Frauen zur Universität noch erkämpft werden musste. Dass darüber hinaus die Geschlechtertheorien wie auch die genetischen Konzepte von den jeweiligen politischen und wissenschaftlichen Bedingungen, den Lebensschicksalen und Haltungen der Forscher beeinflusst waren, weist Satzinger überzeugend nach. Dabei zeigt sie private, institutionelle, wissenschaft­liche und politische Verbindungslinien eben­so auf wie Konkurrenzen und exis­tenzielle Konfliktfelder zwischen dem vergleichsweise geschlechterpolitisch liberalen, aber latent antisemitischen Boveri, dem jüdisch-liberalen Goldschmidt und dem völkischen und antifeministischen Butenandt. Während Butenandts Karriere nach 1933 steil aufwärts ging, sah sich Goldschmidt zur Emigration gezwungen. Weil sie für die nationalsozialistische Rassenhygiene nicht brauchbar war, so Satzingers nicht unwidersprochen gebliebe­-ne These, wurde zusammen mit dem Ge­­schlechter-Kontinuum-Modell Goldschmidts Theorie der kontextabhängigen Wirkungsweise von Genen verdrängt - zugunsten eines deterministischen Genkonzepts. Dieses prägte die Genetik der folgenden Jahrzehnte. Inzwischen jedoch werden Goldschmidts Ideen wiederentdeckt. Satzingers Buch enthält eine Fülle weiterer interessanter Fundstücke und anregender Thesen, die zu einer differenzierten Wissenschafts- und Geschlechtergeschichte beitragen.
Ulrike Klöppel
Helga Satzinger: Differenz und Vererbung. Geschlechterordnungen in der Genetik und Hormonforschung 1890-1950, Böhlau Verlag, Köln (2009), 486 Seiten, 49,90 Euro, ISBN 978-3-412-20339-9.

Erschienen in
GID-Ausgabe
203
vom Dezember 2010
Seite 44