Gentests und Genomsequenzierung

Piktogramm: Erlenmeyerkolben mit Flüssigkeit und daraus hervorgehendem Molekül

Die vollständige Sequenzierung der menschlichen DNA war das große Projekt der 1990er Jahre, die Kosten des Human Genome Projects betrugen drei Milliarden US-Dollar. Mittlerweile werden Gentests immer schneller und billiger. Die Anzahl kommerzieller Anbieter, die ihren Kund*innen eindeutige Aussagen zu Gesundheitsrisiken oder Lebensstilfragen durch Sequenzierung ihres Genoms oder einzelner Genvarianten versprechen, steigt. Während die Kund*innen große Datenschutzrisiken eingehen, ist der tatsächliche Informationsgehalt der Testergebnisse wissenschaftlich umstritten.

Auch in der medizinischen Forschung spielt Genetik eine immer größere Rolle. Doch abseits von seltenen Erkrankungen, bei denen kausale Zusammenhänge zu einzelnen Genvarianten bestehen, ist die medizinische Aussagekraft von Gentests in vielen Fällen, grade wenn es um sogenannte Volkskrankheiten geht, gering. Das Gen-ethische Netzwerk kritisiert den Fokus auf genetische Erkrankungsrisiken, während soziale Ursachen von Gesundheit wie Armut unterforscht sind.

Beiträge zu diesem Thema

  • Trojanisches Pferd Genomsequenzierung

    28. Oktober 2013
    Glaubt man Verlautbarungen aus Humangenetik und Labormedizin, wird die Sequenzierung des gesamten Genoms bald ein Routineverfahren in der klinischen Praxis. Verschiedene Fachgesellschaften nehmen diese Aussichten zum Anlass, das Recht auf Nichtwissen zu torpedieren. Ein Blick auf aktuelle Konstruktionen genetischer Verantwortung.

  • Neue Sozialhygiene oder lokale Biologie?

    28. Oktober 2013

    Die sogenannte Umweltepigenetik bringt sozialwissenschaftlich und gesellschaftlich brisante Fragen auf. Das in Laboren produzierte Wissen hat zwar das Potenzial, Ungleichheit und soziale Verhältnisse zu naturalisieren, bietet zugleich aber die Chance, die Verflechtung sozialer und biologischer Aspekte von Lebenswegen in den Blick zu nehmen, ohne einer umfassenden Biologisierung gesellschaftlicher Bedingungen anheimzufallen. Eine Analyse neuerer Erkenntnisse der umweltepigenetischen Forschung aus sozialanthropologischer Perspektive.

  • Genetik, Krankheit und soziale Schicht

    28. Oktober 2013

    Die alte und kontroverse Diskussion um Beziehungen zwischen Genetik und sozialer Schichtzugehörigkeit erlebt in jüngster Vergangenheit eine erneute Renaissance. Schon seit Jahrzehnten ist in der Forschung zu sozialer Ungleichheit der starke Zusammenhang zwischen Gesundheit und sozioökonomischem Status bekannt; mit dem Bedeutungszuwachs genetischer Faktoren in der Krankheitsursachenforschung stellt sich deshalb die Frage nach Wechselwirkungen zwischen Genetik, Gesundheit und Schichtzugehörigkeit.

  • Der Ausschluss der Armen

    28. Oktober 2013

    Biologische Merkmale und gesundheitsrelevante Verhaltensweisen spielen eine wesentliche Rolle beim gesellschaftlichen Ein- und Ausschluss von Menschen. Heute signalisiert der fitte, natürlich ernährte, schlanke und möglichst junge Körper Zugehörigkeit und Erfolg, Armut und Marginalisierung dagegen werden mit Übergewicht, Alkohol- oder Nikotinkonsum assoziiert. Die Existenz verarmter Unterschichten erscheint dabei zunehmend als Resultat biologischer Anlagen, die Menschen daran hindern, den neoliberalen Anforderungen an Anpassungsfähigkeit, Mobilität und Flexibilität gerecht zu werden.