Wie weiter, wenn nicht „wie bisher”?

Nach dem Weltagrarbericht

„Weiter wie bisher ist keine Option“ - das war das prägnanteste Ergebnis des Weltagrarberichts, der 2008 veröffentlicht wurde. Im November trafen sich nun in Berlin gut 200 Interessierte aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Politik, um über eine Fortsetzung zu diskutieren.

Von allen Seiten prasselt es derzeit auf die Landwirtschaft ein: Klimawandel, Landgrabbing, Energie und Rohstoffe vom Acker, Agro-Gentechnik und eine Milliarde Hungernde auf der Welt. Das waren die Rahmenbedingungen, unter denen die Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) Anfang November zu der internationalen Konferenz „Beyond the Crossroads: New Issues, Persistent Problems. Linking food security, sustainability science and sustainability politics“ 1 nach Berlin eingeladen hatte. Die VDW wollte damit an den Bericht des International Assessment of Agricultural Knowledge, Science and Technology for Development (IAASTD) anschließen, der im deutschsprachigen Raum mittlerweile auch als Weltagrarbericht bekannt geworden ist. Dieses mehr als 2.000-seitige Konvolut wurde 2008 nach mehr als vierjähriger Arbeit mehrerer hundert WissenschaftlerInnen von 58 Regierungen verabschiedet und hat sich inzwischen zur Pflichtlektüre in Sachen internationaler Agrarforschung und Hungerbekämpfung gemausert.2 Bei der zweitägigen Konferenz in Berlin ging es nun um die Frage, in welcher Art die Arbeit, die in die Erstellung des IAASTD-Berichtes und die Verbreitung seiner Erkenntnisse geflossen ist, weitergeführt und weiterentwickelt werden soll. Der Termin war mit Bedacht gewählt - mit ausreichendem, wenngleich nicht zu großem Abstand zu den UN-Konferenzen des kommenden Jahres: Im Juni 2012 trifft sich die Weltgemeinschaft zu Rio+20, im Oktober findet die Vertragsstaatenkonferenz der Konvention über die biologische Vielfalt statt - beides Treffen mit extrem hoher Relevanz für die globale Landwirtschaft der Zukunft.

Keine Neuauflage des IAASTD-Berichtes

Mindestens in einem Punkt waren sich die TeilnehmerInnen der Berliner VDW-Konferenz einig: Einen weiteren Bericht zu erstellen ist nicht das, was ihnen vorschwebt. Diskussionen gab es aber darüber, wie und mit welchen Zielen der mit dem Weltagrarbericht eingeleitete Prozess fortgesetzt werden sollte. So ging es beispielsweise um die Frage, welche Aufgaben WissenschaftlerInnen, aber auch VertreterInnen von Nichtregierungsorganisationen zukommen und welche Rolle sie spielen (können). Benny Härlin, Mitarbeiter der Zukunftsstiftung Landwirtschaft und Vertreter der Zivilgesellschaft bei der Durchführung des IAASTD-Prozesses betonte, dass es bei der Erstellung des Weltagrarberichtes nicht gelungen sei, das Wissen von Bäuerinnen und Bauern angemessen zu integrieren. Obwohl man sich im Vorfeld auf ein Verfahren geeinigt hatte, um dieses Wissen einzubeziehen, sei es dann kaum dazu gekommen. Allerdings charakterisierte Rudolf Buntzel, Berater des Evangelischen Entwicklungsdienst (eed), die Agrarforschung vor dem Weltagrarbericht mit der Frage: „Sind die Landbevölkerung und ihre Bäuerinnen und Bauern unbekannte Spezies in der Welt der LandwirtschaftsexpertInnen?“. Buntzel betonte, der wichtigste Beitrag des Weltagrarberichtes sei, dass in ihm die wichtige Rolle und das Wissen kleiner und marginaler NahrungsproduzentInnen anerkannt werde. Für den eed und seine Partner-Organisationen sei es zudem entscheidend, dass Bäuerinnen und Bauern weder als „Objekte von Wohlfahrtsprogrammen“ noch als Studienobjekte angesehen werden, die man untersucht, um dann über sie bestimmen zu können.

Der richtige Weg

Eine Diskussion am Rande der Konferenz stellte die Frage nach der richtigen Kommunikationsstrategie: Ob es nun wichtiger - und richtiger! - sei, klare, leicht zu verstehende Nachrichten an die Medien und den Rest der Welt zu senden, oder ob besser gleich die gesamte Komplexität der Gemengelage detailliert beschrieben werden sollte. Auf der Konferenz in Berlin konnte darüber keine Einigkeit erzielt werden - aber das war nur ein kleines Gerangel im Verlauf der ansonsten sehr harmonisch verlaufenden Konferenz.

Schlacht um Definitionshoheit

Neben solchen Diskussionen über Verlauf und Bedeutung des bisherigen Prozesses ging es auf der Berliner Konferenz aber vor allem um die Zukunft von Landwirtschaft und Agrarforschung. Michael Windfuhr vom Deutschen Institut für Menschenrechte machte auf ein weiteres Thema aufmerksam: „Auf verschiedenen Plattformen wird derzeit um die Definitionshoheit gerungen, was das Problem bei der Ernährung der Weltbevölkerung im Jahre 2050 ist. “ Neben den bei „Beyond the Crossroads“ versammelten „Freundinnen und Freunden des Weltagrarberichtes“ hatten sich im Sommer dieses Jahres zum Beispiel auch die RegierungsvertreterInnen der G20-Länder des Themas angenommen; ebenso natürlich auch die FAO als Organisation für Nahrung und Landwirtschaft unter dem Dach der Vereinten Nationen. Bei diesen Zusammenkünften, so Windfuhr, ginge es auch um Definitionshoheit. Zwar habe niemand ein weltweites Mandat, um die Ernährungsprobleme in vierzig Jahren zu bestimmen, klar sei jedoch, dass eine Festlegung weitreichende Konsequenzen hätte. „Das ist eine politische Schlacht“, so Windfuhr.

Zeit für einen „Action Plan“…

Nicht zuletzt geht es bei der Zukunft der Landwirtschaft auch um finanzielle Ressourcen. Sollten zum Beispiel die Regierungen der G20 auch in Zukunft vor allem die industrialisierte Landwirtschaft fordern und fördern, dann - so die mehr oder minder einhellige Auffassung bei den Konferenz-TeilnehmerInnen - werden vor allem die Börsenkurse der großen Agrar-, Lebensmittel- und Handelskonzerne steigen, und damit deren Macht bei der Bewirtschaftung von Land weltweit. Wie falsch es wäre, von einer Zwangsläufigkeit dieser Entwicklung auszugehen, unterstrich der Beitrag von Judy Wakhungu vom kenianischen African Center for Technology Studies auf der Konferenz. Wakhungu gehörte dem IAASTD-Präsidium an und war in den vergangenen Jahren an buchstäblich hunderten von Veranstaltungen zur Verbreitung der Erkenntnisse des Weltagrarberichtes beteiligt. Sie sucht vor allem den Kontakt zu LandwirtInnen und zu Regierungen in Afrika; letztere stünden dem IAASTD-Bericht oft sehr aufgeschlossen gegenüber. Auf dem afrikanischen Kontinent haben achtzehn Länder den Bericht unterzeichnet. Wakhungu berichtete von afrikanischen Regierungen, die sich wünschen, dass er noch größere Kreise zieht: „Wir wollen den IAASTD-Bericht auf der Rio+20-Konferenz. Wir wollen seine Ergebnisse auf der Vertragsstaatenkonferenz der Konvention über die biologische Vielfalt.“ Außerdem, so betonte Wakhungu, sei es Zeit für einen „Action Plan“.

…und wirklich nachhaltige Entwicklung

Auch wenn sich die meisten TeilnehmerInnen der Konferenz in diesen Forderungen wiederfinden konnten, erinnerte manches doch sehr an das sprichwörtliche Fischen im Trüben. Ein klares Votum, in welche Richtung es mit dem Weltagrarbericht dauerhaft gehen könnte, wurde nicht erreicht. Möglicherweise ist das aber zum jetzigen Zeitpunkt auch zu viel verlangt. Insofern ist es vielleicht notwendig, an die Leitfrage bei der Erstellung des Weltagrarberichtes zu erinnern: Wie können wir landwirtschaftliches Wissen, Forschung und Technologie einsetzen, um Hunger und Armut zu verringern, um ländliche Existenzen zu verbessern und um weltweit eine gerechte, ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltige Entwicklung zu fördern? Die wachsende Weltbevölkerung und der Klimawandel bildeten also die Leitplanken der Überlegungen. Erst nach der Veröffentlichung des Weltagrarberichtes haben die Diskussionen um die Produktion von Energie auf den Äckern dieser Welt richtig Fahrt aufgenommen.

Leitsätze internationaler Agrarpolitik

Manche der Erkenntnisse, die seit 2008 dem IAASTD-Prozess zugerechnet werden, mögen schon älteren Datums sein. Wem auch immer die eigentliche Ehre gebührt - eine Reihe der take home messages des Weltagrarberichtes sind in den vergangenen Jahren zu zentralen Leitsätzen internationaler Agrarpolitik geworden.3 Dazu zählen: • Weiter wie bisher ist keine Option • Die Ernährung der Weltbevölkerung hängt an den Frauen • Kleinbäuerinnen und Kleinbauern produzieren einen Großteil der Lebensmittel dieser Welt

Beleidigung durch Staatssekretär

Allerdings muss festgestellt werden, dass es zuweilen auch bei Menschen, die mit der Materie befasst sind, an ganz grundsätzlichem Willen (oder ganz grundsätzlichem Verständnis) zu fehlen scheint, sich mit den komplexen Zusammenhängen im Kontext der Ernährung der Weltbevölkerung und dem Klimawandel zu befassen, beziehungsweise die eigene Perspektive zur Diskussion zu stellen. Einen etwas unrühmlichen Abschluss fand die Konferenz nämlich mit einem öffentlichen Event im Roten Rathaus, dem Sitz des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Klaus Wowereit. Dabei ist an dem Event an sich nichts auszusetzen gewesen. Mit der ehemaligen Direktorin der Internationalen Naturschutzorganisation IUCN, Maritta von Bieberstein Koch-Weser, dem IAASTD-Co-Chair Hans Herren und Gerd Müller, dem Parlamentarischen Staatssekretär im Bundeslandwirtschaftsministerium war das Podium plausibel und interessant besetzt - hätte man denken können. Müller jedoch verweigerte sich strikt einer inhaltlichen Auseinandersetzung. Kritische Fragen, zum Beispiel zu der Bedeutung deutscher - und europäischer - Agrarexporte für die Entwicklung von regionalen Agrarstrukturen zum Beispiel in Afrika ließ der CDU-Politiker an sich abperlen, als sei er zur Vorbereitung auf den Abend von seinen MitarbeiterInnen nicht mit Argumenten und Informationen, sondern mit einem neuartigen Nanotech-Schutzanstrich vorbereitet worden. Das war sehr peinlich und sehr unbeholfen - wenn man diesen Auftritt und diese Abendveranstaltung für sich bewertet. Angesichts der Tatsache, dass es sich bei einem Gutteil des Publikums um ausgewiesene - zum Teil weit gereiste - ExpertInnen handelte, die sich zuvor zwei Tage lang intensivst zentrale Fragen von globaler Ernährung, Klimawandel, Landwirtschaft, Ressourcen und Konfliktforschung erarbeitet hatten, kann der Auftritt Müllers nur als Beleidigung wahrgenommen werden.

„Do some good“

Müller hat mit diesem Auftritt alles darangesetzt, eine von drei zentralen Regeln zum Umgang mit Krisen und Konflikten zu missachten. Ellen Messer von der US-amerikanischen Brandeis-Universität hatte diese Regel im Verlauf der Konferenz vorgestellt, sie lautet: Richte keinen Schaden an! Die anderen beiden sind: Sei dir im Klaren darüber, um was es in dem Konflikt geht und: Tue ein bisschen Gutes.4

  • 1Zu deutsch etwa: „Hinter dem Scheideweg. Neue Themen, andauernde Probleme. Nahrungssicherheit, Nachhaltigkeits-Forschung und Politik für Nachhaltigkeit verbinden.“ Veranstaltet von der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler VDW (www.vdw-ev.de) mit Unterstützung des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland - BUND (www. bund.net), dem Forum Umwelt und Entwicklung (www.forumue.de) und biovision (www.biovision.ch). Der Begriff „crossroads“ (deutsch: Kreuzung, Weggabelung; als „at a crossroads“ auch: am Scheideweg) nimmt Bezug auf den Titel „Agriculture at a Crossroads“ des IAASTD-Berichts („Weltagrarbericht“). Der Bericht ist in sieben Teilbänden erschienen, darunter ein globaler Bericht, ein so genannter Synthesisbericht und fünf regionale Berichte. Kostenfreie Downloads, erweiterte Suchfunktion und weitere Informationen unter www.weltagrarbericht.de. IAASTD steht für International Assessment of Agricultural Knowledge, Science and Technology for Development (in deutsch etwa: Internationale Bestandsaufnahme des landwirtschaftlichen Wissens, der Agrar- Wissenschaft und -Technologie im Interesse von Entwicklung). In diesem Text werden die Begriffe Weltagrarbericht oder IAASTD-Bericht synonym benutzt.
  • 2Siehe dazu auch den Beitrag „Paradigmenwechsel“ von Benny Härlin auf Seite 15 in diesem Heft.
  • 3Ebd.
  • 4räsentation des Vortrags „Human Rights, Food Security, and Conflicts“ von Ellen Messer zum Download unter www.kurzlink.de/gid209_p. Konferenzmaterialien zu „Beyond the Crossroads: New Issues, Persistent Problems. Linking food security, sustainability science and sustainability politics.“unter www.zukunftderernaehrung.org.
Erschienen in
GID-Ausgabe
209
vom Dezember 2011
Seite 25 - 27

Christof Potthof war bis Ende April 2020 Mitarbeiter im GeN und Redakteur des GID.

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