Rezension: Fünfzig Jahre für die Selbstbestimmung
Mit „Frech und frei“ hat Udo Sierck eine persönliche Chronik der deutschen Behindertenbewegung seit den 1970er Jahren vorgelegt. Er zeigt dabei sowohl Kontinuitäten als auch Errungenschaften im Kampf um die Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung auf.
Sierck, U. (2025): Frech und frei: 50 Jahre Kämpfe der Behindertenbewegung.
Anhand konkreter Beispiele beleuchtet Sierck in jedem Kapitel unterschiedliche Facetten des Emanzipationsprozesses und fokussiert verschiedene Reibungspunkte zwischen der Behindertenbewegung und der Mehrheitsgesellschaft. Kernelement der Betrachtung ist dabei die Absage an aussondernde und bevormundende Institutionen und Haltungen sowie die angestrebte Maximierung der Autonomie behinderter Menschen. So wendet sich die Bewegung etwa frech gegen vermeintliche Wohltäter*innen, die unter dem Deckmantel der Fürsorge die Freiheit von Betroffenen einschränken. Der Autor ergänzt diese Betrachtung durch Bezüge zur deutschen Geschichte und zu parallelen Freiheitsbewegungen, etwa indem er intersektionale Diskriminierungserfahrungen von Frauen mit Behinderung beleuchtet. Für Leser*innen des GID MAGAZINs von besonderer Relevanz ist dabei das Kapitel zur Bioethik, in welchem Sierck den Widerstand gegen eugenische Vorstellungen aus dem Nationalsozialismus bis in die Gegenwart nachzeichnet, die im Feld der Humangenetik auch nach 1945 weiter in die Gesellschaft getragen wurden. Darüber hinaus empfiehlt sich der kompakte Bericht sowohl für einen übersichtlichen Einstieg als auch als persönlicher Erfahrungsbericht aus der Bewegungsgeschichte.
Sierck, U. (2025): Frech und frei: 50 Jahre Kämpfe der Behindertenbewegung. Assoziation A, 152 Seiten, 18,- Euro, ISBN: 978-3 86241-514-4.
Kosmas Hench ist Mitarbeiter des GeN und Redakteur des GiD.