Vom Kinderwunsch zum Leben mit Wunschkind

Ein queerer Erfahrungsbericht

Trotz widriger Rahmenbedingungen bekommen immer mehr queere Personen Kinder. Nathan war schwanger und hat im Juli 2020 sein und Annas Kind zur Welt gebracht. Im Interview berichtet er über seine Erfahrungen der letzten Jahre vom Kinderwunsch, über die Suche nach einer Samenspende, Befruchtung, Schwangerschaft und Geburt – bis hin zum Wochenbett und den ersten Lebensmonaten als queeres Elternteil.

Portrait Nathan

Foto: © Nathan

Nathan, du bist vor fünf Monaten Elternteil geworden. Wie sieht deine aktuelle Lebenssituation aus?

Ich arbeite seit Matteo1 drei Monate alt ist wieder als Arzt in der Gynäkologie, habe aber meine Stelle auf 80 Prozent reduziert. Wenn ich zuhause bin, kümmere ich mich um Matteo und in der restlichen Zeit wird Matteo von Anna1, seiner Mama betreut. Anna studiert und arbeitet im Homeoffice, das ist mit einem Baby ganz schön stressig. So ist gerade unser Alltag.

Wie ist dein Kinderwunsch entstanden und wie hat er sich mit der Zeit verändert?

Als junger Erwachsener war ich mir nicht sicher, ob ich überhaupt Kinder haben will. Angefangen hat mein Kinderwunsch mit Mitte 20. Da habe ich mit meiner damaligen Freundin viel darüber gesprochen und mir wurde klar: Ich will irgendwann Kinder. Das ist auch so geblieben, als die Beziehung zu Ende gegangen ist. Aber ich wusste auch: Ich möchte nicht alleine Kinder kriegen. Es gibt natürlich auch Leute, für die das gut funktioniert. Für mich konnte ich mir das aber nicht vorstellen. Dann habe ich angefangen in der Geburtshilfe zu arbeiten und mein Kinderwunsch ist akuter geworden. Auch meine Einstellung zu Schwangerschaft hat sich sehr durch meine Arbeit, bei der ich täglich viele Schwangere begleite, verändert. Es hat sich ein ausgeprägter Wunsch entwickelt, das selber erleben zu wollen.

Neben dem Kinderwunsch gab es dann also auch so eine Art „Schwangerschaftswunsch“?

Ja, genau. Ich habe dann viel mit Anna über das Thema gesprochen. Und weil wir eigentlich immer ein gutes Team waren, konnte ich mir das gut vorstellen. Ich habe Anna dann gefragt: „Hey, was hältst du davon, wenn wir zusammen ein Kind kriegen?“ Anna hat ein paar Tage darüber nachgedacht und dann ja gesagt. Anna wollte eigentlich immer Pflegekinder haben. Also dieses selber schwanger werden das kam da schon sehr von mir.
Damals gab es auch noch eine weitere Person, mit der wir dann eine längere Auseinandersetzung über die Möglichkeit hatten, zu dritt ein Kind zu bekommen. Wir sind dann aber gemeinsam zu dem Schluss gekommen, dass es vielleicht doch nicht so gut passt. Anna und ich haben dann beschlossen, dass wir zu zweit Eltern werden. Da Anna nicht schwanger werden wollte und ich unbedingt, blieb „nur noch“ die Frage wie ich schwanger werde, weil Anna und ich eben beide Personen sind, die Eizellen haben und kein Sperma.

Und wie bist du dann schwanger geworden?

Wir haben lange diskutiert, ob wir eine private Samenspende wollen, von einer Person, die wir kennen oder eine Spende von einer Samenbank. Ganz ursprünglich konnte ich mir eine Samenbank nicht gut vorstellen, sondern hatte eher gedacht, dass ich von einer Person die ich kenne schwanger werde. Es gab zwei Personen, die potenziell in Frage gekommen wären. Aber aus unterschiedlichen Gründen haben wir uns letztendlich doch für eine Samenbank entschieden. Da ist auch rechtlich einiges einfacher; vor allem, dass da niemand Vaterschaftsansprüche stellen kann. Beide Varianten haben sicherlich ihre Vor- und Nachteile. Der größte Nachteil bei uns war natürlich, dass es sehr viel mehr Geld gekostet hat.

Wie teuer war es denn für euch?

Wir haben vier Versuche gebraucht bis ich schwanger geworden bin – was eine „normale“ Anzahl von Versuchen ist bei einer intrauterinen Insemination – und das hat jedes Mal so um die 1.500 Euro gekostet. Man muss dazu sagen, es gibt auch noch billigeres Sperma. Je nach Spermienqualität und auch je nach dem wie ausführlich das Profil des Spenders ist, kann man unterschiedlich teures oder billiges Sperma kaufen. Dann kommen noch Steuern oben drauf und es muss gekühlt geliefert werden. Das kostet auch nochmal an die 500 Euro. Insgesamt haben wir ca. 7.000 Euro ausgegeben.

Woher habt ihr die Spermien letztlich bekommen?

Es gibt ja verschiedene Samenbanken. Wir waren bei einer dänischen Samenbank, die auch eine der größten weltweit ist. Das Problem bei den deutschen Samenbanken ist, dass viele nur an heterosexuelle cis Paare und nicht an Single-Frauen, lesbische Paare oder sonstige queere Paare verkaufen. Es gibt zwei Ausnahmen, beides Samenbanken in Berlin, aber da suchst du dir den Spender nicht selber aus, sondern du schickst denen dein Profil und die suchen für dich einen Spender aus. Da war uns die Samenbank in Dänemark lieber, wo wir uns das alles selber aussuchen konnten. Also das ist quasi eine Datenbank mit verschiedenen Profilen, die unterschiedlich ausführlich sind und du kannst dir da wie auf einer Dating-Plattform „deinen Samenspender“ aussuchen. Aber du kannst dir als Privatperson nicht das Sperma direkt zuschicken lassen. Das ging bis 2018 noch, aber heutzutage wird Sperma nur noch an medizinische Einrichtungen verschickt.2 Da war ich als Arzt wieder sehr privilegiert, ich konnte mich einfach als Gesundheitsperson bei der Samenbank registrieren.
In Deutschland sind nur nicht-anonyme Samenspenden erlaubt, weil das deutsche Recht so einen großen Wert darauf legt, dass Kinder ihre genetische Herkunft erfahren können.3 Also das heißt das Kind kann, wenn es sechszehn Jahre alt ist, bei der Samenbank anfragen und mit dem Spender in Kontakt treten.

Gab es weitere Hürden auf dem Weg?

Ich bin sehr froh, dass ich in der privilegierten Position war, das alles selber machen zu können und wir uns nicht an ein Kinderwunschzentrum wenden mussten. Ich hätte sehr große Angst gehabt, als trans* Person, die schwanger werden will, da diskriminiert zu werden und mir irgendwelche blöden Kommentare von Ärzt*innen anhören zu müssen. Ich weiß, dass mich das sehr mitgenommen hätte. Es war auch so schon anstrengend genug. Es ist natürlich finanziell eine Belastung, was bei uns schon ok war, weil ich gut verdiene, aber das Timing mit der Bestellung hinzubekommen hat schon Druck gemacht. Das Sperma muss ja genau dann ankommen, wenn man im fruchtbaren Fenster ist, damit man nicht 1.500 Euro zum Fenster rausgeschmissen hat, weil man dann doch zwei Tage früher den Eisprung hatte.

Wie hat dein Umfeld auf die Schwangerschaft reagiert?

Die Reaktionen waren insgesamt ziemlich positiv. Aber ich habe natürlich auch viele queere Freund*innen. Ich hatte ein bisschen Angst, wie meine Kolleg*innen und vor allem mein Chef reagieren würden. Aber das waren auch durchweg positive Reaktionen und es hat nichts an deren Akzeptanz meiner Identität gegenüber verändert.

Wie hast du die Schwangerschaft erlebt? Was waren Herausforderungen?

Gegen Ende der Schwangerschaft hatte ich quasi gar kein Passing mehr. Da wurde ich dann von fremden Menschen öfter misgendert. Das war mir aber vorher schon klar, dass das passieren würde, und dann war das auch meistens irgendwie ok. Durch meine Arbeit hatte ich das Glück viele der Menschen, die mich in der Schwangerschaft betreut haben, schon vorher persönlich zu kennen, dadurch bin ich Diskriminierungen durch Gesundheitspersonal aus dem Weg gegangen. Meine Gynäkologin ist eine Kollegin von mir, die selber auch mit einer Frau verheiratet ist und ein Kind hat. Auch unsere Nachsorgehebamme kannte ich schon vorher. Nur die Hebammen aus dem Geburtshaus haben wir erst während der Schwangerschaft kennengelernt. Die waren aber total aufgeschlossen.
Zwischendurch hatten wir noch Stress mit meiner Krankenkasse. Die wollten aufgrund meines männlichen Personenstands die Kosten für die Schwangerschaft und Geburt nicht übernehmen. Sie haben es dann am Ende zum Glück doch gezahlt und wir mussten sie auch nicht verklagen. Ich glaube das waren die schlimmsten 24 Stunden in der Schwangerschaft, als ich dachte, wir müssen auch noch die ganze Schwangerschaftsbetreuung und Geburt selber zahlen. Natürlich ist jede Schwangerschaft auch mit Stress verbunden, viele werdende Eltern machen sich Sorgen und haben Ängste. Bei uns waren eben diese ganzen rechtlichen und organisatorischen Aspekte noch mal viel mehr. Das hat sich für mich ein bisschen angefühlt wie meine Transition. Mit diesen ganzen Hürden konfrontiert zu sein oder mit der Tatsache, dass man halt nicht vorgesehen ist vom System. Und dann sich jedes Mal bei allen den Mund fusselig reden und das immer den Leuten erklären zu müssen. Anna hat da mehr drunter gelitten als ich oder war weniger darauf vorbereitet, dass es auch emotional anstrengend wird.4

Haben dein Queer-Sein und eure Elternkonstellation die Entscheidungen bezüglich der Geburtsplanung und -vorbereitung geprägt? Wenn ja, wie?

Der Geburtsvorbereitungskurs hat wegen Corona online stattgefunden. Das heißt wir haben die anderen Eltern leider nicht kennengelernt. Praktisch war, dass es bei uns eh zusammengepasst hat mit den Wünschen für die Geburt. Ich wollte außerklinisch entbinden, also eine nicht so medikalisierte Geburtsbegleitung haben.
Ein weiteres ausschlaggebendes Argument für die Entscheidung im Geburtshaus zu entbinden, war auf jeden Fall auch, dass man da die Personen, die die Geburt begleiten vorher kennenlernt. Das war meine größte Angst bezüglich der Geburt, dass ich vielleicht verlegt werden muss und dann bei Ärzt*innen im Krankenhaus lande, die mich dann die ganze Zeit misgendern, weil sie ein Problem mit mir oder einfach keine Ahnung haben. Aber alles hat so geklappt wie wir uns das gewünscht hatten und es war eine sehr schöne Geburt.
Aber für trans* Personen und queere Paare, die ein hohes Sicherheitsbedürfnis haben und sich eigentlich die Vorteile einer klinischen Geburtsbegleitung wünschen, für die ist es natürlich ein Problem, wenn sie sich aus Angst vor Unverständnis oder Diskriminierung für eine außerklinische Geburt entscheiden. Da fehlt es einfach an vielen Stellen noch an Achtsamkeit und Verständnis.

Brachte eure Elternkonstellation Besonderheiten für das Wochenbett mit sich?

Anna hatte keine Elternzeit beantragt, aber das geht ja vielen anderen Familien auch so. Vermutlich hätten wir die auch beantragen können, wenn wir unbedingt gewollt hätten. Kindergeld zu beantragen war tatsächlich super unkompliziert. Es hat sicher geholfen, dass wir verheiratet sind, den gleichen Nachnamen und die gleiche Adresse haben. Da kamen gar keine Nachfragen.
Besonders ist bei uns, dass Anna stillt. Anna hatte schon vor der Geburt mit Abpumpen und Motilium5 die Milchproduktion angeregt. Das klappt tatsächlich ganz gut und es ist cool, dass sich der Wochenbett-Stress so auf uns beide verteilt hat. Unklar war dann noch wie das geht mit der Hebammenbetreuung, weil sich ja die Wochenbettbegleitung und Stillberatung eigentlich auf nur eine Person beziehen. Unsere Hebamme hat das dann einfach gemacht, aber wie das abrechnungs- und versicherungstechnisch ist, wussten wir alle nicht.
Und wir mussten Matteos Geburtsurkunde beantragen. Mit der gleichen Argumentation wie bei dem Verbot der anonymen Samenspende, also dem Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung, wird begründet, dass trans* Menschen mit ihrem alten Geschlecht und Namen in die Geburtsurkunde ihres Kindes eingetragen werden und nicht unter ihrem richtigen Namen und Geschlecht. Ich bin also als „Mutter“ und mit meinem Deadname in Matteos Geburtsurkunde eingetragen. Als „Mutter“ eingetragen zu sein, stört mich tatsächlich gar nicht so sehr, aber dass ich mit meinem Deadname in der Geburtsurkunde stehe, finde ich richtig schlimm. Als wir die Geburtsurkunde bekommen haben, habe ich fast den ganzen Tag geweint, so schlimm war das für mich.

Habt ihr es jetzt „geschafft“ und könnt ohne weitere bürokratische und rechtliche Hürden eine Familie sein?

Wir müssen jetzt noch das Stiefkindadoptionsverfahren6 durchlaufen. Bis das durch ist hat Anna einen unsicheren Status als Elternteil. Also wenn mir jetzt was passiert, oder wenn wir uns trennen würden, hätte Anna keine Elternrechte. Das wird sich noch eine Weile hinziehen. Es macht mich immer noch wütend, dass Anna ihr eigenes Kind adoptieren muss. Eigentlich bräuchte es den sofortigen Eintrag des zweiten Elternteils in die Geburtsurkunde, wie das bei cis hetero Paaren ja auch ist. Da ist der rechtliche Vater ja auch nicht immer der biologische Elternteil.7

  • 1. a. b. Name geändert.
  • 2. Gemäß § 3 Abs. 1 Gesetz zur Errichtung eines Samenspenderregisters und zur Regelung der Auskunftserteilung über den Spender nach heterologer Verwendung von Samen (Samenspenderregistergesetz - SaRegG). Das Gesetz wurde am 17.07.2017 beschlossen und trat am 01.07.2018 in Kraft. Es regelt ausschließlich ärztlich unterstützte künstliche Befruchtungen. Online: www.kurzelinks.de/gid256-te [letzter Zugriff: 21.01.2021]
  • 3. Sog. Spenderkinder können ein Auskunftsrecht über die Identität des Samenspenders gegenüber dem Deutschen Institut für Medizinische Dokumentation und Information aus dem Samenspenderregister geltend machen. § 10 Abs. 1 SaRegG.
  • 4. Nathan hat gemäß dem sog. Transsexuellengesetz (TSG) den Personenstand und den Vornamen geändert, hat die verpflichtende begleitende Psychotherapie gemacht, Testosteron substituiert und eine Mastektomie (Brustentfernung) vornehmen lassen.
  • 5. Antiemetikum (Medikament gegen Übelkeit), das auch den Milcheinschuss fördert.
  • 6. Zum rechtlichen Hintergrund siehe Artikel „Von Leitlinien und Liebe, Samen und Sorge(n)“, S.11 in diesem Heft: https://www.gen-ethisches-netzwerk.de/reprotechnologien/256/von-leitlin….
  • 7. Zum Beispiel die Initiative „Nodoption – Elternschaft anerkennen“ spricht sich gegen das unpassende Verfahren der Stiefkindadoption aus und setzt sich für die Anerkennung der Elternschaft von Partner*innen der gebärenden Person ab Geburt des Kindes ein. Online: www.nodoption.de [letzter Zugriff: 27.01.2021].

Nathan ist Assistenzarzt in der Gynäkologie und Geburtshilfe und er ist trans*. Er lebt zusammen mit seinem Kind und dem zweiten Elternteil in einer mittelgroßen deutschen Stadt.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
256
vom Februar 2021
Seite 14 - 16

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