Coronakrise: Solidarität und verantwortungsvolle Wissenschaft!

Seit Beginn der Coronakrise erreichen das Gen-ethische Netzwerk Anfragen zum Thema Corona. Viele Menschen wenden sich mit ihren Sorgen über das Ausmaß der staatlichen Maßnahmen zur Pandemieeindämmung und zur Impfstoffentwicklung an uns.

In Bezug auf die Impfstoffentwicklung gehen die Anfragen oft mit der Erwartung einher, dass wir als Verein jeglichen Einsatz von Gentechnik in der Medizin ablehnen und uns daher auch gegen die gentechnische Forschung gegen COVID-19 einsetzen müssten. Häufig beziehen sich die Autor*innen dieser Anfragen auf unsauber recherchierte Quellen, einige argumentieren mit Verschwörungsmythen. Manche bestreiten die Existenz eines neuartigen Coronavirus ganz oder vergleichen COVID-19 mit der Grippe. Dabei ignorieren sie die Statistiken zur Übersterblichkeit oder stellen Infektionszahlen des Robert-Koch-Instituts (RKI) und die Erkenntnisse jeglicher öffentlich finanzierter Forschungsinstitutionen als erfunden dar. Viele der uns als Belege zugesandten Videos und Texte behaupten, dass die Pandemie eine gewollte Panikmache, eine Manipulation durch die Politik, eine Fabrikation durch Bill Gates oder andere mächtige Akteur*innen sei. Interessanterweise berufen sich viele Anfragen auf Aussagen von einzelnen Ärzt*innen und Wissenschaftler*innen.

Es ist nachvollziehbar, dass das GeN als Ansprechpartner für diese Sorgen wahrgenommen wird. Der Verein beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit gesellschaftsrelevanten Auswirkungen von Gentechnologien und hat immer wieder den Einsatz von Gentechnik in Medizin und Landwirtschaft kritisiert. Das GeN war und ist politischen Bewegungen, die sich gegen eine vermeintlich neutrale Wissenschaft einsetzen, die im Namen des Fortschritts gegen Menschenrechte verstößt oder zu Umweltproblemen beiträgt, immer stark verbunden. Doch unsere Kritik und Beschäftigung mit diesen Themen ist im Kern eine wissenschaftlich fundierte. Das heißt, wir arbeiten keinesfalls antiwissenschaftlich, sondern orientieren uns an Erkenntnissen, die durch eine transparente und angemessene Methodik, durch nachvollziehbare und plausible Interpretationen erreicht wurden. Statt sich handverlesene Studien herauszupicken, wie es viele „Coronaskeptiker*innen“ momentan tun, geht es uns darum, kritische, reflektierte und verantwortungsvolle Wissenschaft zu stärken. Hierfür betrachten wir möglichst alle verfügbaren Forschungsergebnisse.

Dieser Ansatz heißt jedoch gerade nicht, dass wir Wissenschaft als unfehlbar betrachten. Ziel unserer Arbeit ist es, zu kritisieren wo gesellschaftliche Machtverhältnisse, politische und finanzielle Interessen nachweislich Einfluss ausüben: Welche Forschungsfragen von welchen Disziplinen wie bearbeitet werden und ob und wie Ergebnisse aus der Wissenschaft veröffentlicht, interpretiert und umgesetzt werden. Wir wollen wissenschaftliche Kontroversen und Debatten an gesellschaftlich relevanten Stellen aufzeigen und beziehen uns dafür auf Studien verschiedener Fachrichtungen. Hinzu kommt, dass wir die Perspektiven von Betroffenen in unsere Arbeit miteinbeziehen und ihnen Raum geben, statt nur über sie und ihre vermeintlichen Bedürfnisse zu schreiben. Anders als in der Arbeit vieler Naturwissenschaftler*innen und technologieentwickelnder Unternehmen liegt unser Schwerpunkt in einer radikal interdisziplinären Zusammenarbeit von Sozial- und Geisteswissenschaftler*innen gemeinsam mit Biolog*innen und Mediziner*innen. So können wir nicht nur die rein technischen, sondern auch die sozialen, politischen und ethischen Auswirkungen von Technologien bewerten und wenn nötig fundiert kritisieren. Das Ziel unseres Vereins ist es aufzuzeigen, wo mit wissenschaftlichen Argumenten falsche Versprechen gemacht und Patient*inneninteressen Profiten untergeordnet werden. Zudem arbeiten wir auch mit wissenschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Initiativen und Aktivist*innen zusammen, die (wie wir) aus diesen so erarbeiteten Erkenntnissen politische Forderungen entwickeln.

Das Team und der Vorstand des GeN haben sich in den letzten Jahren verändert. Die Geschwindigkeit und der Stil der gesellschaftlichen Debatten haben sich durch das Internet und die Sozialen Medien ebenfalls stark gewandelt. In Zeiten von tausendfach geteilten verschwörungstheoretischen Sharepics und Youtube-Aufklärer*innen müssen wir Argumente differenziert formulieren und klar Abstand nehmen, wenn unsere – oder ähnlich klingende Argumente – übernommen werden, um Unsinn oder sogar politisch gefährliche Inhalte zu verbreiten. Wir haben uns daher letztes Jahr in einer Ausgabe unserer Fachzeitschrift GID (Gen-ethischer Informationsdienst) von rechten und verschwörungstheoretischen Argumenten zum Thema Gentechnik abgegrenzt. Nun erachten wir es als Verein für notwendig, uns speziell zur Coronakrise und zu Impfstoffforschung klar zu positionieren.

Die Argumentationen der einzelnen Videos und Textbeiträge, die uns zugeschickt wurden, zu widerlegen, nimmt leider zu viel Zeit ein. Es ist leicht, Behauptungen in die Welt zu setzen und dabei eine wissenschaftliche Sprache zu verwenden. Im Folgenden wollen wir als Mitarbeitende des GeN-Büros und des Vorstandes Stellung zu einigen, immer wiederkehrenden Argumentationen nehmen, die wir für problematisch halten.

Ausgangsbeschränkungen und Maskenpflicht

Als sich das neuartige Coronavirus auch in Deutschland ausbreitete, wurden schnell eine Reihe von Maßnahmen wie Ausgangsverbote, -beschränkungen und später eine Maskenpflicht beschlossen. Das Ziel war die Verhinderung einer schnellen und unkontrollierten Ausbreitung von Sars-CoV-2. Bereits früh wurden diese Maßnahmen und die wissenschaftliche Expertise hinter den politischen Entscheidungen in Frage gestellt. Auch prominente Wissenschaftler*innen kritisierten, dass die Belege fehlten, um derart weitreichende Maßnahmen zu veranlassen. So berechtigt die Kritik an der fehlenden Evidenz auch ist, ist sie zugleich irreführend. Das Virus war zu Beginn der Pandemie schlicht zu neu, als dass es schon größere oder detailliertere Studien hätte geben können, mit denen man die dringenden Fragen hätte beantworten können.
Politische Entscheidungen von der Tragweite, wie sie derzeit rund um den Globus getroffen werden, sollten eigentlich nicht ohne eine hinreichende Wissensgrundlage erfolgen. Aber: Im Sinne des Vorsorgeprinzips rechtfertigte die berechtigte Sorge vor der schnellen Ausbreitung des Virus, vor der Überforderung des Gesundheitssystems und den daraus resultierenden vielen Toten ein Handeln, das sich teilweise auf Vermutungen stützen musste. Selbstverständlich müssen sich die politischen Maßnahmen dem wachsenden medizinischen und epidemiologischen Erkenntnisstand anpassen – dazu gehört auch das Wissen über soziale Auswirkungen von Lockdown-Maßnahmen. Dafür müssen diese Maßnahmen und ihre Folgen wissenschaftlich begleitet und untersucht werden.

Im Zweifelfall muss politisch gegengesteuert werden und entsprechendes Handeln einzufordern ist legitim. Es ist nachvollziehbar, wenn Menschen die zum Teil heterogenen und widersprüchlichen Coronamaßnahmen in den verschiedenen Regionen und Bundesländern als willkürlich und als nicht in ihrem Interesse verstehen. Auch wir kritisieren, dass verschiedene Bevölkerungsgruppen unterschiedlich hohen Risiken ausgesetzt sind. Während sich viele eher besserverdienende Berufsgruppen auch jetzt noch im Homeoffice vor dem Virus schützen können, scheint der Erhalt der Gesundheit von anderen Bevölkerungsteilen weniger wertvoll. So werden Menschen in Geflüchtetenunterkünften oder Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen wie Schlachtbetrieben und der Landwirtschaft enormen Risiken ausgesetzt. Ebenso werden Erzieher*innen, Lehrer*innen und Kindern in Schulen und Kitas einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt. Wie das RKI im Juni vermeldete, seien am Anfang der Pandemie eher finanziell besser gestellten Menschen wie Skitourist*innen und Geschäftsreisende an COVID-19 erkrankt. Später seien laut Berichten aus den Gesundheitsämtern jedoch vor allem ärmere Menschen in sozial prekären Verhältnissen betroffen gewesen. Konkrete Zahlen dazu gibt es jedoch nicht, da das RKI nur Alter, Geschlecht und Wohnort von COVID-19-Infizierten registriert. Sozialdemographische Daten wie Einkommen oder Migrationshintergrund werden in Deutschland nicht erfasst, in anderen Ländern zeigt sich jedoch, dass ein niedriges Einkommen und ein Migrationshintergrund Risikofaktoren für das Versterben an COVID-19 sind.

Zusammengefasst zwingt die Coronapandemie Staat und Gesellschaft zu permanentem Lernen, Investieren und Justieren der Maßnahmen. Doch statt als Antwort alle Maßnahmen generell abzulehnen, sollte die Kritik vor allem dort ansetzen, wo der gleiche Schutz für alle Menschen hinter wirtschaftlichen Überlegungen zurücksteht.

COVID-19-Impfungen: Generelles Misstrauen ist unangebracht

Angesichts der unsicheren Gesamtsituation richten sich viele Hoffnungen auf die Entwicklung eines Impfstoffes gegen SARS-CoV-2. Dabei spielen nicht nur Interessen, die Pandemie einzudämmen, sondern auch die enormen Profitaussichten der Pharmaindustrie eine bedeutende Rolle. Sich in der Gemengelage aus journalistischen Hypes und mal optimistischer, mal pessimistischer Prognosen seitens Politiker*innen und Expert*innen zurecht zu finden, ist eine Herausforderung.

Wenn Firmen ihre eigenen Testberichte verfassen, fallen diese im Durchschnitt nachweislich positiver aus, als wenn sie von externen Studienautor*innen durchgeführt werden. Eine gewisse Skepsis ist also geboten, wenn Studienergebnisse in Pressemitteilungen von Unternehmen angepriesen werden und mit Börsengewinnen einhergehen. Auch gibt es durchaus Nebenwirkungen, diese werden jedoch in Bezug auf Impfungen von der Bewegung der Coronaskeptiker*innen massiv übertrieben, vielfach werden Falschbehauptungen verbreitet. Während Coronaskeptiker*innen also der Regierung vorwerfen, unbegründete Angst und Panik zu schüren, tragen sie selbst dazu bei. Ein generelles Misstrauen in einen Impfstoff ist unangebracht. Zweifelsohne gibt es viele gut funktionierende Impfstoffe, die beispielsweise die früher weit verbreitete Kinderlähmung (Polio) zu einem Bild der Vergangenheit gemacht haben.

Eine besondere Debatte wird derzeit rund um mRNA-Impfstoffe geführt, die in Körperzellen geschleust werden und diese dazu bringen sollen, Proteine des Virus herzustellen, gegen die dann eine Immunität aufgebaut werden kann. Viele Sorgen stützen sich darauf, dass diese Impfstoffe gentechnisch hergestellt sind und fälschlicherweise wird oft behauptet, sie würden vererbbare genetische Veränderungen erzeugen. Anstatt aber einen Coronaimpfstoff generell abzulehnen, sollte vielmehr die Einhaltung der Standards für Sicherheit und Wirksamkeit wie bei anderen Medikamenten und Impfstoffen eingefordert werden. Das Impfprinzip per mRNA bietet zwar den Vorteil einer schnellen und kostengünstigen Herstellung, doch bisher gibt es keinen funktionierenden Impfstoff nach diesem Wirkprinzip. In einigen Studien haben mRNA-Impfungen gegen SARS-CoV-2 die Produktion von Antikörpern hervorrufen können, doch ob diese sich in eine langfristige Immunität übersetzen, wird momentan noch geprüft. Insgesamt herrscht angesichts von Reinfektionen bereits gesundeter COVID-19-Patient*innen Skepsis, ob es überhaupt möglich sein wird, eine wirksame Impfung zu entwickeln.

Laut WHO-Monitor waren Anfang Oktober 193 Impfstoff-Projekte gegen SARS-CoV-2 in Entwicklung, 42 davon werden bereits klinisch geprüft.  Alle Methoden der Impfstoffentwicklung sind vertreten: Von abgeschwächten Viren und Virusteilen als Antigen über RNA und DNA-Sequenzen bis hin zu sogenannten Vektorimpfstoffen. Bei diesen wird eine Teilsequenz des SARS-CoV-2 mittels eines Vektors in die Zellen der behandelten Person eingebracht. Ein Vektorimpfstoff ist streng genommen eine Gentherapie und mit einem besonderen Risiko behaftet. Dies zeigt auch der Zwischenfall in einer Studie mit dem Impfstoff von AstraZeneca/Oxford University Anfang September, bei der eine Probandin vorübergehende schwere Nebenwirkungen entwickelt hatte. Der Test wurde zeitweilig gestoppt. Derartige Ereignisse und Rückschläge sind bei der Impfstoffentwicklung aber nicht ungewöhnlich und alle Beteiligten lernen durch sie. Die aufgetretenen Krankheitserscheinungen sind medizinisch bekannt und bilden sich meistens zurück. So auch in diesem Fall und der Impfstofftest wird nach Freigabe der britischen Gesundheitsbehörde fortgesetzt.

COVID-19-Impfung muss gründlich geprüft werden

Gerade wegen dieser Herausforderungen ist es notwendig, dass eine Impfung gegen COVID-19 – wie alle Medikamente – gut entwickelt und nach etablierten Standards auf ihre Sicherheit überprüft wird. Weltweit werden momentan tausende COVID-19-Studien mit Medikamenten und Impfstoffen durchgeführt. Die Situation ist sehr unübersichtlich und wird teilweise durch politische Einflussnahme sowohl befördert als auch erschwert. Einzelne Staaten und Staatenverbünde kaufen im Voraus für ihre Bevölkerung Impfstoffkontingente auf oder geben Abnahmegarantien, während parallel an einer Globalen Allianz unter Beteiligung der UN gearbeitet wird, um allen Menschen den Impfstoff verfügbar zu machen.

Eine bereits diskutierte Verkürzung von klinischen Tests wie beim russischen Impfstoff, der vor der Phase III-Testung staatlich zugelassen worden war, kann gefährlich sein: Menschen können an vorher unbekannten Nebenwirkungen sterben oder schwer erkranken. Klinische Studien werden oft mit jungen und gesunden Proband*innen als ausgewählte Bevölkerungsgruppe durchgeführt. Wie bestimmte Risikogruppen den Impfstoff vertragen, muss vorsichtig getestet und beobachtet werden. Sollte es nach einer Zulassung zu ernsten Nebenwirkungen kommen, würde dies die Bereitschaft, sich impfen zu lassen, senken. Auch Impfungen, die sich erst im Nachhinein als unwirksam herausstellen, nutzen – außer ggf. dem Hersteller – niemanden etwas. Verschiedene internationale Forscher*innen haben sich in den letzten Monaten für die Durchführung von „Human Challenge Trials“ ausgesprochen: Klinischen Studien, bei denen Proband*innen absichtlich mit dem Coronavirus infiziert werden, um Impfstoffe zu testen. In dem vom Imperial College geleiteten Projekt der US-amerikanischen Organisation 1DaySooner sollen erstmals in Großbritannien „im neuen Jahr erwachsene Freiwillige unter kontrollierten Quarantänebedingungen dem Coronavirus ausgesetzt werden, nachdem sie einige Wochen zuvor einen potenziellen Impfstoff verabreicht bekommen haben“.

Unsere Forderungen:

Das Gen-ethische Netzwerk fordert Forschungsinstitute und Wissenschaftler*innen auf, sich innerhalb der internationalen Wissenschafts-Community klar gegen den ethischen Tabubruch der Human Challenge Trials zu stellen und sich öffentlich gegen diese Art der Forschung auszusprechen.

Auch in Bezug auf Impfstoffe und Medikamente stehen für uns die Aspekte der Gerechtigkeit und Sicherheit im Vordergrund. Daher haben wir im April gemeinsam mit über 250 Organisationen und Unterstützer*innen eine internationale Kooperation zur Förderung medizinscher Entwicklung sowie eine umfassende und gerechte weltweite Gesundheitsversorgung gefordert.