Interessenkonflikte in der Weltnaturschutzorganisation?

Wie Befürworter*innen der neuen Gentechnik Einfluss nehmen

Die Weltnaturschutzorganisation IUCN hat einen Report zu den neuen Biotechnologien im Naturschutz in Auftrag gegeben. Den Verfasser*innen werden nun Voreingenommenheit und Interessenkonflikte vorgeworfen. Einblicke in Prozesse rund um eine aktuelle Naturschutzdebatte.

Nationalvogel

Neuseelands Nationalvogel, der Kiwi, ist vom Aussterben bedroht – vor allem durch neu eingebrachte Landsäugetiere. Foto: Judi Lapsley Miller (CC BY 4.0)

Die neuen Gentechniken, allen voran CRISPR-Cas, sind in den Naturschutzdebatten angekommen. Wie aktuell diese Debatte um die neuen Technologien ist, wurde im vergangenen Jahr deutlich. Im April 2019 veröffentlichte eine Gruppe von Autor*innen unter dem Dach der Weltnaturschutzorganisation IUCN (International Union for Conservation of Nature and Natural Resources) einen Report, in dem sie sich positiv zu den Anwendungsmöglichkeiten der neuen Gentechnologien im Naturschutz äußerten.1 Die IUCN ist ein Zusammenschluss internationaler – staatlicher und auch zivilgesellschaftlicher – Organisationen des Natur- und Artenschutzes und die globale Autorität in dem Gebiet.

Der besagte Report mit dem Titel „Genetic frontiers for conservation: an assessment of synthetic biology and biodiversity conservation“ soll als Grundlage einer neuen IUCNRichtlinie zum Thema Naturschutz und synthetischer Biologie dienen, die auf dem kommenden IUCN World Conservation Congress in 2020 (verschoben vom 11.-19.06.2020 auf 7.-15.01.2021) diskutiert und verabschiedet werden soll. Auf diesen vierjährlichen Kongressen sind alle Mitglieder eingeladen, die Schwerpunkte der IUCN zu bestimmen und durch die Verabschiedung von Resolutionen die Arbeit des Sekretariats und des IUCN-Programms zu lenken.

In dem fast 200 Seiten langen Report werden mehrere potenzielle Anwendungsmöglichkeiten von Gentechnologien im Naturschutz beschrieben. Die Autor*innen sprechen von synthetischer Biologie und ein besonderer Fokus liegt auf Gene Drive-Organismen.2 Der Report der IUCN zeigt dabei anhand von Fallstudien theoretische Anwendungsmöglichkeiten auf, ohne jedoch Studien zu möglichen Nebeneffekten anzuführen. Vielmehr werden die gentechnischen Methoden als alternativlose Notwendigkeit dargestellt.

Die etc-Group, eine internationale Nichtregierungsorganisation, reagierte auf den IUCN-Report mit einem kritischen Bericht, in dem sie insbesondere auf die personelle Zusammensetzung des Autor*innen-Teams eingeht.3 Im Weiteren beziehe ich mich auf diesen Bericht.

Was zu kritisieren ist

Richtig angelaufen ist der Prozess um den Report auf der letzten IUCN-Konferenz im September 2016. Hier verabschiedeten die Mitglieder der IUCN die Resolution 086, in der sie festhielten, sich mit der Bewertung des sich schnell entwickelnden Bereiches der synthetischen Biologie und insbesondere der umstrittenen Gen Drive-Technologie befassen zu wollen. Bis zu einer gemeinsamen und informierten Entscheidung sollte jedes Für- oder Gegensprechen der IUCN zu dem Thema unterlassen werden. Der erste Entwurf der Resolution wurde im Vorfeld der Konferenz in 2016 von einer kleinen Gruppe Gentechnik gegenüber aufgeschlossener Autor*innen verfasst. Die Mitglieder der IUCN veränderten daraufhin die Resolution maßgeblich und legten den Fokus auf Vorsorge und Bedenken in Bezug auf die neuen Technologien.4 Nach der Verabschiedung dieser bearbeiteten Resolution, war die IUCN angehalten eine Arbeitsgruppe für die Erstellung eines Reports zu gründen, auf dessen Grundlage die Mitglieder der IUCN auf dem kommenden Kongress in 2020 eine Position zu den neuen Technologien im Naturschutz abstimmen sollen.

In Anbetracht dieser Vorgeschichte erscheint es unverständlich, warum die IUCN einen bekannten und begeisterten Verfechter der Gene Drive-Technologie, Dr. Kent Redford, zum Vorsitzenden der Arbeitsgruppe ernannte. Redford seinerseits bestimmte eine Kohorte von Personen mit eindeutig Gentechnik positiver Einstellung (wie sich aus ihren Lebensläufen lesen lässt) zu seinen Mitarbeitenden. Neben den 28 Mitgliedern der Arbeitsgruppe waren noch 12 weitere Personen in einer unterstützenden technischen Gruppe und als Autor*innen von Fallstudien in den Gestaltungsprozess des Reportes involviert.

Die etc-Group zeigt in ihrem Bericht, dass bei über der Hälfte dieser 40 Personen, potenzielle Interessenkonflikte bestehen. Die Mitwirkenden erhalten Forschungsgelder, besitzen Patente und sind beteiligt an Projekten im Bereich der synthetischen Biologie und Gene Drives. Im Gegensatz dazu vertritt nicht ein einziges Arbeitsgruppenmitglied eine kritische Position bezüglich synthetischer Biologie, obwohl in der IUCN-Resolution ausdrücklich auf die Beteiligung zivilgesellschaftlicher Gruppen, die diesem Feld kritisch gegenüberstehen, bestanden wurde.

Target Malaria und Revive and Restore sind vorne mit dabei

Der etc-Group zufolge haben insbesondere zehn Personen den Bericht maßgeblich beeinflusst. Sie sind entweder Teil der Arbeitsgruppe und der unterstützenden technischen Gruppe oder Autor*innen von mehr als einem Kapitel. In vielen Fällen trifft beides zu. Einige dieser Personen stechen besonders durch ihre vorherigen Aktivitäten für die Biotech-Industrie oder -Forschung heraus. Dr. Jason Delborne ist zum Beispiel in verschiedensten Projekten, Aktivitäten und Förderungen zu Gene Drives und gentechnisch veränderten Organismen (GVO) engagiert. So ist er unter anderem aktives Mitglied eines Projektes, das an Gene Drives zur Ausrottung von Nagetieren auf Inseln forscht (Genetic Biocontrol of Rodents - GBIRd) und erhielt Forschungsgelder für die Arbeit an gentechnisch veränderten Kastanien in den USA. Delphine Thizzy ist eine der lautesten Vertreter*innen von Gene Drives auf der internationalen Bühne. Sie ist Managerin des Bereiches Interessengruppen bei Target Malaria, einem hochkarätigen Projekt mit einem Budget von über 100 Millionen US-Dollar zur Entwicklung und Freisetzung von gentechnisch veränderten Moskitos in West- und Zentralafrika. Informationen zu weiteren in den IUCN-Bericht involvierten Personen, ihren Hintergründen und möglichen Interessenkonflikten sind ausführlich in dem Bericht der etc-Group nachzulesen.

Durch diese Zusammensetzung hatten drei der weltweit prominentesten und kapitalkräftigsten Organisationen, die an der Entwicklung und dem Einsatz von Gene Drives zur Freisetzung in die Umwelt arbeiten, einen unverhältnismäßig großen Einfluss auf den Report. Mindestens 15 Mitglieder der Arbeitsgruppe haben Verbindungen oder sind Angestellte von Revive and Restore (Wiederbeleben und Wiederherstellen), GBIRd oder Target Malaria.

Die IUCN-Richtlinien für unabhängige wissenschaftliche oder technische Beratungsprozesse (ISTAP) schreiben vor, dass Aufträge ausgeschrieben werden müssen. Die Arbeitsgruppe zum Bericht zählt nicht zu den ISTAP, ist jedoch ähnlich aufgebaut, allerdings scheint kein offenes Expertenrekrutierungsverfahren durchgeführt worden zu sein. Die IUCN hat Regeln für Interessenkonflikte und von den Vorsitzenden der Arbeitsgruppe wird erwartet, dass sie sich bei der Auswahl der Mitglieder an Beschlüsse halten und unvoreingenommen und ausgeglichen auswählen. Die Mitglieder von Arbeitsgruppen sind aufgefordert, Interessenkonflikte zu erklären und im Abschlussbericht anzugeben. Dem scheinen mehrere Beteiligte an dem IUCN-Report nicht oder nur unvollständig nachgekommen zu sein. Laut etc-Group ist es unklar, ob es innerhalb der IUCN ein Verfahren gibt, gegen diese Missstände anzugehen und ob Personen zur Rechenschaft gezogen werden können.

Nicht nur die etc-Group zeigte sich empört über den Prozess zum IUCN-Bericht, viele andere Organisationen schlossen sich der Kritik an. Über 200 Organisationen und Einzelpersonen unterzeichneten im Juli 2019 einen offenen Brief an die IUCN.5 In diesem wird angemerkt, dass „der Bericht eine interessante, aber bedauerlicherweise einseitige Perspektive [zeigt], die nicht ausreicht, um die politische Diskussion zu bereichern.“

Wir bedanken uns bei der etc-Group für die Bereitstellung und Erlaubnis zur Verwendung ihres Berichtes.

  • 1. Redford, K.H. et al. (2019): Genetic frontiers for conservation: An assessment of synthetic biology and biodiversity conservation. Technical assessment. Gland, Switzerland: IUCN.
  • 2. Gene Drives sind GVO die dahingehend verändert werden, dass ein bestimmtes Gen zu 100 Prozent an die Nachfolgegeneration vererbt wird. Damit werden die mendelschen Vererbungsgesetzte, nach denen der Nachwuchs etwa 50 Prozent der Gene jedes Elternteils bekommt, umgangen. Es wird diskutiert über diesen Mechanismus gewünschte Eigenschaften in Wildpopulationen einzubringen, zu verbreiten und Populationen auszurotten.
  • 3. Bericht der etc-Group: www.etcgroup.org/content/driving-underinfluence.
  • 4. Resolution 086 der IUCN: www. kurzlink.de/gid253_zw [letzter Zugriff: 24.04.20].
  • 5. Offener Brief: www.kurzlink.de/gid253_zx [letzter Zugriff: 24.04.20].

Judith Düesberg ist Ökologin und Mitarbeiterin des GeN.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
253
vom Mai 2020
Seite 8 - 9

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