Rezension: Etikettenschwindel bei „liberaler Eugenik“
Keimbahneingriffe zur genetischen Veränderung von ungeborenen Menschen und deren Nachkommen werfen grundlegende ethische Fragen auf. Befürworter*innen beanspruchen eine liberale Perspektive: Sie argumentieren, dass dadurch die Chancengleichheit zukünftiger Generationen maximiert und die elterlichen Reproduktionsfreiheit gefördert werden könne.
Odzuck, E. (2026): Keimbahneingriffe im Namen der Freiheit? Eine Kritik ‚Liberaler Eugenik‘ aus Perspektive der Politischen Theorie.
Diesem Anspruch stellt sich Prof. Dr. Eva Helene Odzuck in ihrer Habilitation „Keimbahneingriffe im Namen der Freiheit?“ entgegen. Dabei beruft sie sich auf das liberale Entscheidungssystem und kritisiert die Argumentation der „liberalen Eugenik“ bezogen auf deren Referenzautoren, insbesondere auf John Rawls „Grundgüter“ und Joel Feinbergs „Recht auf offene Zukunft“. Aufbauend auf der Kritik von Jürgen Habermas und Anja Karnein kommt Odzuck zu dem Schluss, dass der Rückgriff auf die Referenzautoren selektiv und lückenhaft ist, und entwickelt eine liberale Gegenposition. Den Bezug auf Chancengleichheit und Reproduktionsfreiheit wertet sie als unzureichend, da die zugrundeliegende „Autonomie“ und „Neutralität“ nicht als politische Werte ausbuchstabiert würden. Da die Befürworter*innen von Keimbahneingriffen Embryonen nicht als zukünftige Bürger*innen behandelten, würden sie das Reziprozitätsprinzip missachten. Die Anwendung sei also illiberal. Das Buch ist für Leser*innen interessant, die sich für eine fundierte und komplexe Abhandlung zum Thema interessieren und in die Tiefen des politiktheoretischen Diskurses abtauchen möchten.
Odzuck, E. (2026): Keimbahneingriffe im Namen der Freiheit? Eine Kritik ‚Liberaler Eugenik‘ aus Perspektive der Politischen Theorie. Verlag Karl Alber, 360 Seiten, Print: 79,– Euro, ISBN: 978-3-495-98889-3.
Kosmas Hench ist Mitarbeiter des GeN und Redakteur des GiD.