„Restriktive Gesetzgebung hat einen Dominoeffekt“
Welche Dynamiken die Leihschwangerschaftsindustrie prägen
Seit mehr als 20 Jahren forscht Amrita Pande zu Leihschwangerschaft. Im Interview spricht sie über den globalen Fertilitätsmarkt und seine Anpassungsfähigkeit. Restriktive Gesetze in einzelnen Ländern sieht sie als Problemverlagerung. Daher sucht sie nach anderen Lösungsansätzen.
Liebe Amrita, was hat dich ursprünglich zum Thema assistierte Reproduktion gebracht?
Die Verbindung zwischen Globalisierung und dem Intimen hat mich schon während meines Studiums interessiert. 2000 las ich zufällig einen Artikel im Guardian mit dem Titel „Wombs for Rent in India”. Es ging um einen Arzt in einer kleinen Stadt in Indien, der ein Unternehmen gegründet hatte, bei dem er indische Frauen anwarb, um Babys für Ausländer*innen zu bekommen. Dabei handelte es sich um gestationelle Leihmutterschaften. Das heißt, die Frauen hatten keine genetische Verbindung zum Baby. Das weckte damals mein Interesse.
Ich nahm Kontakt zu dem Arzt auf und begann meine Doktorarbeit, für die ich schließlich mit Leihmüttern in ihrem Hostel in dieser kleinen Stadt in Indien zusammenlebte. Ich verbrachte Monate und Jahre mit ihnen. Ich habe alles mit ihnen gemacht: Ich war bei ihren Vorsorgeuntersuchungen dabei. Ich war dabei, als sie mit den „Wunscheltern“ auf der ganzen Welt skypten. Manchmal fungierte ich als ihre Übersetzerin. So wurde meine Doktorarbeit zu einer sehr immersiven ethnografischen Studie, aus der später mein erstes Buch „Wombs in Labour“ entstand.
Wie würdest du die Rolle der Leihschwangeren in diesem Geflecht beschreiben?
Im Englischen bedeutet „surrogate” wörtlich „Ersatz“ und etwas in mir sträubt sich dagegen, diese Frauen als „Ersatz“ zu bezeichnen, weil ihre Rolle weit darüber hinausgeht. Von der Geburtsurkunde über den Vertrag bis hin zu den geknüpften Verwandtschaftsbeziehungen muss man allen Arten von Beziehungen Beachtung schenken, die durch diese Technologien ermöglicht wurden. Man sollte nicht das eine als „Ersatz“ und das andere als „echt“ bezeichnen. Ich mag auch den Begriff „gestational carrier“ nicht, weil diese Frauen mehr tun, als nur physisch diese Babys auszutragen. In meinen Büchern nutze ich den Begriff „gestational mother“.
Haben sich die Praxis und auch der Blick auf Leihschwangerschaft im Laufe der Jahre gewandelt?
Als ich mit meiner Forschung begann, sprach davon kaum jemand als Arbeit oder Dienstleistung. Es wurde vor allem über die Moral und Ethik dieser Praxis als Kommerzialisierung von Frauen, Schwangerschaften und Kindern gesprochen. Man muss bedenken, dass es technologiebasierte Leihmutterschaft vor 20 Jahren nur im euro-amerikanischen Kontext gab. Ich hatte aber auch die Werke radikaler Feministinnen gelesen, die das Ausbeutungspotenzial dieser Praxis im globalen Süden vorhersagten. Während meiner Feldforschung in Indien realisierte ich, dass es völlig unangemessen ist, die Fertilitätsindustrie, die sich im globalen Süden entwickelt, nur als moralisches oder ethisches Problem zu betrachten.
Es gibt Feminist*innen und Bioethiker*innen, die Leihmutterschaft weiterhin als Problem der Moral und Kommerzialisierung betrachten. Andere verstehen Leihmutterschaft nun als eine sehr komplexe Form der reproduktiven körperlichen Arbeit. Einige sprechen darüber, wie die globale Fertilitätsindustrie neue Formen der Verwandtschaft ermöglicht. Gleichzeitig müssen wir auf jene Hierarchien achten, die dadurch nicht beseitigt werden, nämlich in Bezug auf Rassifizierung.
Damit beschäftigst du dich in deinem nächsten Buch.
Ja, genau. Das Buch kommt hoffentlich Ende des Jahres raus und befasst sich vor allem mit dem transnationalen Aspekt von Eizelltransfer. Wenn die Oberschicht aus Ländern, die eine restriktivere Gesetzgebung haben, diese umgehen will – wohin fliegt sie dann? Ich folge diesem Baby-Herstellungsprozess von den Eizellgeber*innen aus. Und was ich sehe, ist eine große Nachfrage nach „weißen Eizellen“.
Ich habe mir Standorte angeschaut, die richtige Hubs für die Embryoherstellung geworden sind, zum Beispiel Indien. Aber dort verbietet das Gesetz das Austragen durch Leihmütter, also werden die Embryonen in Länder exportiert, wo es ein rechtliches Vakuum gibt. Das war zum Beispiel Kambodscha, bis dort ein Verbot eingeführt wurde. So hat sich der Leihmutterschaftsmarkt jetzt in afrikanische oder südamerikanische Staaten verlagert.
Du beschreibst den Markt in deinem Report nicht nur als extrem anpassungsfähig, sondern auch als sehr angebotsgesteuert. Was meinst du damit?
Im Report argumentiere ich, dass die globale Leihmutterschaftsbranche nicht in erster Linie als Reaktion auf reproduktive Bedarfe analysiert werden kann. In Deutschland zum Beispiel wird Leihmutterschaft oft als Reaktion auf Unfruchtbarkeit dargestellt. Das ist natürlich nicht komplett falsch, aber für die Analyse dieser boomenden globalen Industrie völlig unzureichend. Die Dynamik ist stattdessen im Wesentlichen angebotsgetrieben: durch globale Ungleichheiten, Gesetzeslücken, strategische Investitionen und das, was ich im Report als „Care Broker” (Anm. d. Red.: Akteur*innen, die beispielsweise Klinikkonzerne bezüglich Marktentwicklung, möglicher Anpassungen an Krisen und Gesetzesänderungen etc. beraten und eine Vernetzungsrolle übernehmen) bezeichne.
Wie hat sich die Struktur des Marktes in den letzten Jahren verändert?
Die Industrie hat sich im Laufe der Zeit gewandelt. Ich teile das grob in drei Phasen ein, beginnend mit der Periode zwischen 1990 und 2005, als sich in den USA und in einigen europäischen Ländern eine Art One-stop-Leihmutterschaftsmodell entwickelte. Also ein Modell, wo der gesamte Prozess von der Befruchtung über die Schwangerschaft bis zur Übergabe des Babys an einem einzigen Standort stattfindet.
Es folgte die Phase der südlichen Zentren. Sie erstreckte sich etwa von 2007/2008 bis 2015, als Länder wie Indien, Thailand, Nepal, die Tschechische Republik und die Ukraine für einige Jahre zu wichtigen Standorten für Leihmutterschaft wurden, weil sie eine kostengünstige Alternative zu den USA darstellten. Diese Länder boten sogenannte Pauschalangebote an. Eine große Vermittlungsagentur in Indien warb zum Beispiel mit dem Slogan: „Sehen Sie sich das Taj Mahal im Mondlicht an, während Ihr Embryo in einer Petrischale heranwächst.“
Im Wesentlichen boten diese Länder alles, was die Wunscheltern verlangten – oft geknüpft an die prekäre Situation der Leihmütter.
Und wie sieht es aktuell aus?
Seitdem entwickeln sich fragmentierte hybride Reproduktionsnischen. Jetzt bedienen „Nubs“ einen kleineren Aspekt dieser Fortpflanzungskette – entweder im Bereich der Rekrutierung von Eizellgeber*innen, der Embryonenherstellung oder der Leihmutterschaft.
Die Leihmutterschaft ist der umstrittenste Teil. In den letzten Jahren gab es in fast allen Ländern aus der zweiten Phase Skandale, bei denen die Wunscheltern nicht kamen, um das Baby abzuholen, oder sich weigerten, es mit nach Hause zu nehmen. Sehr bekannt ist der Fall von Baby Gabby in Thailand, wo ein australisches Wunschelternpaar einen Zwilling zurückließ, weil er das Downsyndrom hatte. Sie nahmen nur seine Schwester mit.
Solche Kontroversen haben die Gesetzgebung in fast allen Teilen der Welt geprägt. Insbesondere restriktive Gesetze im Globalen Norden und in China verlagern die Nachfrage auf prekäre Standorte im Globalen Süden. Dieser Dominoeffekt des Verbots führt zu fragmentierten hybriden Konstellationen, in denen Wunscheltern, Leihmütter und Eizellgeber*innen rechtliche sowie geografische Hürden überwinden müssen. Sie stellen an einem Ort die Eizellen zur Verfügung, der Embryo wird an einem anderen Ort hergestellt, dann in ein drittes Land exportiert, die Schwangerschaft findet in einem weiteren Land statt und schließlich reist das Baby zu seinem vorgesehenen Zuhause.
Du siehst die Verbote in Ländern wie Deutschland als Teil dieser Dynamik. Welche politischen Veränderungen wünschst du dir?
Zum einen sollte man sich nicht zu sehr auf einen rechtebasierten Ansatz konzentrieren, denn in diesem Geschäft stehen oft verschiedene Rechte im Konflikt miteinander: Es gibt die Rechte der Wunscheltern, die des Kindes und die der Leihmutter. Ich glaube auch nicht, dass wir hier einen Konsens zwischen den Ländern und Regierungen finden werden. Vor allem können wir Entscheidungen nicht einfach nur auf nationaler Ebene treffen, das verlagert das Problem nur in Staaten mit prekäreren Bedingungen.
Stattdessen könnten wir damit beginnen, regional zu denken, über Best-case-Szenarien nachzudenken, Richtlinien zu erarbeiten und sicherzustellen, dass zumindest bestimmte Aspekte in Bezug auf die Bezahlung der Schwangeren und der beteiligten Reproduktionsarbeiterinnen eingehalten werden, dass sie in einer Geburtsurkunde anerkannt werden. Wir müssen darauf achten, was da unterschrieben wird, ob das Kind das Recht hat, jedes einzelne beteiligte Elternteil zurückzuverfolgen. Wie hoch ist die Bezahlung? Und was sollte alles entschädigt werden?
Wir müssen auch darauf achten, wer bei diesen Aushandlungen mit am Tisch sitzt. Wir können das Kind nicht mit an den Tisch bringen. Aber es gibt Kinderrechtsorganisationen. Und es gibt inzwischen eine erwachsene Generation von Menschen, die aus verschiedensten Reproduktionstechnologien hervorgegangen sind und für sich selbst sprechen können. Die verschiedenen Reproduktionsarbeiterinnen sollten natürlich beteiligt werden – vor allem auch die Leihmütter.
Vielen Dank für das Interview!
Amrita Pande ist Professorin für Soziologie an der Universität von Kapstadt und feministische Ethnografin. Ihr 2014 erschienenes Buch „Wombs in Labor: Transnational Commercial Surrogacy in India“ gehört zu den umfangreichsten qualitativen Untersuchungen im Bereich Leihschwangerschaft. 2025 erschien ihr Report „Mapping Global Surrogacy“.
Das Interview führte Jonte Lindemann.