Wachstumsbranche Assistierte Reproduktion

Warum es eine Analyse der Eigentumsverhältnisse braucht

In Debatten um technologisch assistierte Reproduktion geht es häufig um die Frage, ob etwa eine Eizell„spende“ oder Leihschwangerschaft entlohnt werden sollte, seltener auch darum, ob Klinikkonzerne und Vermittlungsagenturen mit der körperlichen Dienstleistung Anderer Geld verdienen dürfen. Was aber geschieht, wenn man Eigentumsverhältnisse ins Zentrum der Analyse rückt?

Gebilde aus Blumen und grünen Blättern in Form einer Gebärmutter, umgeben von einem schwarzen Zaun auf rotem Hintergrund

Wenn die Fähigkeit zur Fortpflanzung zu Eigentum gemacht wird: Angesichts der milliardenschweren Geschäfte von Fruchtbarkeitskliniken, Vermittlungsagenturen und Versicherungsunternehmen, braucht es eine kritische Analyse der Eigentumsverhältnisse.

Seit den 1980er-Jahren haben sich die Technologien der assistierten Reproduktion (ART) dynamisch entwickelt. Gleichzeitig ist ein global expandierender Sektor mit zunehmend diversifizierten Dienstleistungsangeboten und Marktakteur*innen entstanden. Meist sind die darin tätigen Fruchtbarkeitskliniken, Gametenbanken, Vermittlungs- und Marketingagenturen, Beratungsfirmen sowie Versicherungsunternehmen privatwirtschaftliche, gewinnorientierte Unternehmen. Einige dieser Einrichtungen dienen zudem als „Investitionsobjekte“ für größere Konzerne. Forschende sprechen mittlerweile von einer dritten oder sogar vierten Phase der Reproduktionsökonomie. Gekennzeichnet ist sie durch die Globalisierung und Vernetzung reproduktionsmedizinischer Dienstleistungen sowie durch neue private Geschäftsmodelle. In diesem Zusammenhang lassen sich beschleunigte und komplexe Dynamiken beobachten, die mit der Aneignung und Kommodifizierung körperlicher Substanzen, reproduktiver Fähigkeiten und medizinischer Infrastrukturen einhergehen: Menschliche Gewebe werden entnommen, übertragen, von anderen angeeignet und auf historisch neuartige Weise kommerzialisiert.
Wir sind der Ansicht, dass diese Dynamiken die Bedeutung von Eigentum in ART-Kontexten auf mehreren Ebenen deutlich machen. Erstens werfen sie die grundlegende Frage auf, wie körperliche Substanzen und reproduktive Fähigkeiten zu Eigentum werden und welche sozialen, ökonomischen und kulturellen Konsequenzen dies hat. Eine zweite Frage ist, wie die an der Reproduktionsökonomie beteiligten Akteur*innen – also jene, die körperliche Substanzen spenden, empfangen, verwalten, übertragen oder lagern – diese Entwicklungen erleben und wie diese Fragen in rechtlichen Regelungen, medialer Berichterstattung sowie im öffentlichen oder wissenschaftlichen Diskurs ausgehandelt werden. Drittens stellt sich angesichts der historisch neuartigen Vermarktung reproduktiver Substanzen die Frage, wem die Kliniken, Agenturen und anderen Unternehmen sowie die von ihnen erzielten Gewinne gehören und inwiefern diese Entwicklungen zu einer tiefgreifenden Transformation der gegenwärtigen Eigentumsordnung im Bereich der menschlichen Fortpflanzung beigetragen haben.


Eigentum – eine vergessene Kategorie?


Auffällig ist, dass Fragen rund um Eigentum in den einschlägigen Debatten und Analysen bislang nur am Rande behandelt wurden. Zugespitzt könnte man behaupten, dass Eigentum hier eine Art „vergessene“ Kategorie darstellt. Zugleich ist die Frage, ob und unter welchen Bedingungen es legitim ist, Körpersubstanzen zu veräußern und zu kommerzialisieren, seit Langem Gegenstand intensiver Diskussionen, insbesondere in der Bioethik. In der Regel wird dabei Bezug genommen auf John Lockes Eigentumstheorie und seine Auffassung, jeder Mensch habe „Eigentum an der eigenen Person“1. Im bioethischen Diskurs wird diese Vorstellung in die spezifische Idee von Eigentum „am eigenen Körper“ übersetzt. Damit geht eine wichtige Bedeutungsverschiebung einher: Während John Locke versuchte, Privateigentum durch den Verweis auf die „eigene“ verkörperte Arbeit und persönliche Autonomie zu legitimieren, konzentriert sich die bioethische Konzeption auf den Körper als eine „beliebig teilbare und verfügbare materielle Substanz“2. Lockes Eigentumstheorie wird somit auf eine Fragestellung angewandt, die ihr eigentlich fremd ist. So wird der Begriff des Eigentums am Körper innerhalb der bioethischen Debatte sowohl für Positionen genutzt, die eine Kommerzialisierung weitgehend befürworten, als auch für solche, die individuelle Selbstbestimmungsrechte betonen, um biomedizinische Eingriffe abzulehnen, sofern diese ausschließlich dem Nutzen Anderer dienen. Jedoch ist die bioethische Vorstellung vom Eigentum am eigenen Körper grundsätzlich zu eng, um die aktuellen Entwicklungen in der Reproduktionsökonomie angemessen zu erfassen. Denn viele Fragen bleiben dabei unbeantwortet, etwa: Unter welchen Bedingungen wird der menschliche Körper – der im Kontext der Bio- und Reproduktionsmedizin zunehmend fragmentiert und ökonomisch betrachtet wird – überhaupt als (potenzielles) Eigentum adressiert? Und müsste der bioethische Diskurs über Eigentum am menschlichen Körper nicht selbst als ein Treiber von Ökonomisierungsprozessen verstanden werden? 
Kritische Diskurse und Debatten in den Sozialwissenschaften haben wiederholt darauf hingewiesen, wie die ART-Ökonomie soziale Ungleichheiten – alte wie neue – (re-)produziert. Es wurde vielfach gezeigt, dass transnationale Reproduktionsökonomien geschlechtlich strukturiert, rassifiziert und stark hierarchisiert sind. Dabei spielen neben sozioökonomischen Ungleichheiten auch Merkmale wie Ethnizität, Alter und Bildungsniveau eine zentrale Rolle. Viele kritische Studien haben sich darauf konzentriert, wie Praktiken der Bereitstellung körperlicher Substanzen als Formen von Arbeit und damit verbunden als Ausbeutung analysiert werden können. Zwar spielt der Begriff des Eigentums als analytische Kategorie hier meist keine systematische Rolle, doch geben polit-ökonomische Ansätze wichtige Impulse für eine Analyse von Eigentumsverhältnissen. Auch neuere Konzepte wie „globale Fruchtbarkeitsketten“3, 4 „Eizell-Warenkette“5 oder „reproduktive Geopolitik“6sind für eine eigentumsbasierte Analyse globalisierter Reproduktionsökonomien aufschlussreich, da sie den transnationalen und globalen Charakter dieser Ökonomien in den Blick nehmen. Sie liefern wichtige Erkenntnisse für die Untersuchung von Eigentumsverhältnissen und Praktiken des „Eigentum-Machens“ und tragen dazu bei, der oben beschriebenen „Vergessenheit des Eigentums“ in diesem Feld entgegenzuwirken. Im Gegensatz zu bioethischen Debatten, die den menschlichen Körper als Eigentumsobjekt in den Mittelpunkt stellen, haben die Sozialwissenschaften also bislang zwar kein spezifisches Instrument zur kritischen Analyse von Eigentumsverhältnissen entwickelt. Die verschiedenen Eigentumsobjekte und -subjekte, die die globale ART-Ökonomie hervorbringt (und die umgekehrt zugleich zur Stabilisierung dieser Ökonomie beitragen), werden jedoch in kritischen sozialwissenschaftlichen Debatten immerhin implizit thematisiert.


Das Konzept der Propertisierung


Unserer Ansicht nach gibt es drei Hauptgründe, weshalb es sinnvoll ist, der Frage des Eigentums in der Analyse und Kritik der globalen ART-Ökonomie eine zentrale Stellung einzuräumen: Erstens ermöglicht sie es zu analysieren, wie Denk- und Handlungsmuster zunehmend durch die Kategorie des Eigentums strukturiert werden – ein Prozess, den wir als „Propertisierung“ bezeichnen – dazu gleich mehr. Zweitens erlaubt eine eigentumsbasierte Perspektive ein besseres Verständnis der Akteur*innen und Strukturen gewinnorientierter ART-Ökonomien sowie der Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Eigentumsobjekten und -subjekten. Drittens können Praktiken und Deutungsmuster, in denen Auseinandersetzungen über die Bedeutung von Eigentum, Zugehörigkeit und die Grenzen zwischen „mein“ und „dein“ ausgetragen werden, als konstitutive Elemente der globalen ART-Ökonomie verstanden werden. Angesichts der globalen Expansion erweist sich nicht zuletzt die Frage nach der Entstehung eigentumsförmiger Verhältnisse im Bereich von Körpern und Körperstoffen sowie nach dem Eigentum an reproduktionsmedizinischen Infrastrukturen und Unternehmen als ein zentrales Analysefeld.
Mit dem Konzept der Propertisierung beziehen wir uns in Anlehnung an Hannes Siegrist 7 auf historisch spezifische Prozesse, durch die Eigentum gestärkt und ausgeweitet wird. Dies umfasst nicht nur Eigentum im rechtlichen Sinne, sondern auch die kulturelle Konstruktion und Vermittlung eigentumsbezogener Konzepte, Symbole, Bedeutungsordnungen und Wissensbestände. Dementsprechend lässt sich von unterschiedlichen Dimensionen des Eigentums sprechen, die in Wechselbeziehung zueinanderstehen. So artikuliert etwa die Rede von „meinen“ Eizellen oder „meinem“ Kind nur selten ein explizit rechtliches Eigentumsverständnis. Die subjektiven Deutungsschemata, in denen solche Ausdrücke vorkommen, sind jedoch eng mit ethischen und gesellschaftlichen Debatten über „Eigentum am Körper“ sowie mit ökonomisch und rechtlich kodierten Eigentumsverhältnissen und -strukturen der transnationalen Reproduktionsökonomie verknüpft. Propertisierungsprozesse beinhalten zudem stets spezifische Formen des „Eigentum-Machens“, die paradoxerweise auch darin bestehen können, die strukturierende Rolle von Eigentum zu leugnen oder herunterzuspielen. Darüber hinaus ist Propertisierung häufig eng mit Kommodifizierung verbunden – also mit Prozessen, durch die Dinge, Substanzen und Fähigkeiten zu Waren gemacht werden, die gegen Geld getauscht werden können. Genauer gesagt, lässt sich Propertisierung einerseits als Voraussetzung von Kommodifizierung verstehen und andererseits als eine ihrer möglichen Folgen.
Innerhalb der politischen Ökonomie der ART zeigt sich dies etwa dort, wo „Spender*innen“ der Übertragung ihrer Gameten (zum Beispiel ihrer Ei- oder Samenzellen) auf Grundlage ihrer Persönlichkeitsrechte zustimmen und dabei anderen Akteur*innen wie Kliniken oder Gametenbanken weitreichende Nutzungsrechte sowie Gewinnmöglichkeiten übertragen. Ob und in welchem Sinne Spender*innen, Empfänger*innen, Kliniken und Eizellbanken diese körperlichen Substanzen als Eigentum betrachten, ist eine offene Frage, die es weiter zu erforschen gilt. Zugleich ist wichtig zu betonen, dass die Möglichkeit, im ART-Sektor Gewinne zu erzielen, nicht immer an rechtliche Eigentumstitel gebunden ist. Auch sogenannte „funktionale Äquivalente zum Eigentum“8, wie etwa Persönlichkeitsrechte, können Verfügungsrechte über den eigenen Körper bzw. Körperstoffe legitimieren oder eingrenzen. Zudem können körperliche Substanzen in ART-Kontexten auch ohne direkte Kommodifizierung zu übertragbaren und austauschbaren Eigentumsobjekten werden. In der globalisierten ART-Ökonomie geschieht dies in der Praxis jedoch nur selten. Vielmehr dient das rechtliche und normative Konstrukt der nicht marktförmigen, altruistischen Spende von Körpermaterial paradoxerweise häufig dazu, die Propertisierung und Kommodifizierung körperlicher Substanzen zu legitimieren und voranzutreiben.


Potenziale für emanzipatorische Perspektiven


Auf Grundlage des hier dargelegten multidimensionalen Verständnisses von Eigentum halten wir es für wichtig, danach zu fragen, wie die soziokulturellen, diskursiven, ökonomischen und rechtlichen Dimensionen von Eigentum an verschiedenen Knotenpunkten zusammenwirken und die expansiven Dynamiken der globalen ART-Ökonomie beeinflussen. Auch wenn wir diese Frage nicht umfassend beantworten können, möchten wir zeigen, wie fruchtbar ein eigentumsbasierter Ansatz für die Analyse und Kritik der globalen ART-Ökonomie sein kann. So zeigt etwa die Rekonstruktion der ökonomischen Dynamiken der boomenden ART-Industrie, dass das diskursive Konstrukt des Altruismus und individuelle Deutungspraktiken eine Form der Arbeit an einer „moralischen Ökonomie“ darstellen, die selbst Teil von Propertisierungsprozessen ist – gerade weil Fragen nach Eigentumsverhältnissen „vergessen“ werden. Darüber hinaus erweisen sich ethische Debatten im Lichte sozioökonomischer Propertisierungsprozesse als ein diskursives Feld, auf dem die Grenzen der Eigentumsförmigkeit menschlicher Reproduktion ausgehandelt werden.
Insgesamt sehen wir es als eine wichtige Aufgabe an, die Lücken und Widersprüche in Diskursen über Eigentum sowie in Praktiken des „Eigentum-Machens“ hervorzuheben, da sie zeigen, dass sich die globale ART-Ökonomie nicht einfach nach einer zwangsläufigen Logik von Propertisierung und Kommodifizierung entwickelt, sondern zumindest in gewissem Maße fragil und umkämpft ist. Dies eröffnet wiederum Potenziale für kritische und emanzipatorische Perspektiven. Viele Kritiker*innen beziehen sich in diesem Zusammenhang auf das ursprünglich im Schwarzen Feminismus entwickelte Konzept der Reproduktiven Gerechtigkeit, um die Bedeutung sozioökonomischer Bedingungen und Infrastrukturen für eine substanziell „freie“ Entscheidung, Kinder zu bekommen oder nicht zu bekommen, hervorzuheben.9 Auf den Kontext der ART-Ökonomie angewendet, bietet das Konzept der Reproduktiven Gerechtigkeit einen wichtigen Rahmen, um ausbeuterische Verhältnisse und Ungleichheiten zu diskutieren. Zudem ermöglicht es, unterschiedliche, teils widersprüchliche Perspektiven und Ansprüche zu berücksichtigen.

  • 1

    Locke, J. (1988 [1689]): Two Treatises of Government. Cambridge University Press.

  • 2

    Gehring, P. (2006): Was ist Biomacht? Vom zweifelhaften Mehrwert des Lebens. Campus.

  • 3

    Cooper, M./Waldby, C. (2014): Clinical Labour: Tissue Donors and Research Subjects in the Global Bioeconomy. Duke University Press.

  • 4

    Vertommen, S. et al. (2022): An Integrative Political Economy Approach to Understanding the Reproductive Bioeconomy. In: Science, Technology and Human Values, 47(1), S.112–145, www.doi.org/10.1177/0162243921996460.

  • 5

    Bergmann, S. (2014): Ausweichrouten der Reproduktion: Biomedizinische Mobilität und die Praxis der Eizellspende. Springer.

  • 6

    Perler, L. et al. (2024): Reproductive Geopolitics: Governing In/fertile Bodies in Mexico’s Past and Present. In: Environment and Planning C: Politics and Space, 42(1), S.102–124, www.doi.org/10.1177/23996544231182546.

  • 7

    Siegrist, H. (2006): Die Propertisierung von Gesellschaft und Kultur: Konstruktion und Institutionalisierung des Eigentums in der Moderne. Comparativ, 16(5–6), S.9–52.

  • 8

    Ecker, M. v. d. et al. (2023): Between Openness and Exclusion: Property and Profitability in the Information Economy. Online: www.kurzlinks.de/gid277-lj.

  • 9

    Ross, L. (2021): Reproduktive Gerechtigkeit: Ein Rahmen für eine anti-essentialistische und intersektionale Politik. In: Kitchen Politics (Hg.): Mehr als Selbstbestimmung! Kämpfe für reproduktive Gerechtigkeit. edition assemblage, S.17–59.

Erschienen in
GID-Ausgabe
277
vom Mai 2026
Seite 7 - 9

Stefanie Graefe ist Soziologin an der Universität Jena.

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Susanne Lettow ist Philosophin an der Freien Universität Berlin

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Dies ist eine redaktionell angepasste und gekürzte Übersetzung der Einleitung von „Dimensions of Property in Reproductive Economies. Practices, Structures, and Discourses“ herausgegeben von Stefanie Graefe, Irina Herb und Susanne Lettow, 2025 erschienen im Campus Verlag. Alle Quellen und Verweise befinden sich im Original.