EU Parlament stimmt für Deregulierung der neuen Gentechnik
Unternehmensinteressen vor Transparenz und Vorsorge
Es ist entschieden: In der EU sollen neue Regeln für den Umgang mit Pflanzen aus neuen gentechnischen Verfahren wie CRISPR-Cas gelten. Die beschlossene Verordnung höhlt die grundlegenden Prinzipien des Umwelt- und Verbraucher*innenschutzes aus, belastet die gentechnikfreie Landwirtschaft und erschwert maßgeblich den Zugang zu Informationen.
Die Risiken der neuen Gentechnikverfahren für die komplexen Ökosysteme sind noch nicht erforscht. Foto: Francesco Gallarotti auf Unsplash
Berlin, 17.06.2026 – Heute haben die Abgeordneten des EU-Parlaments der EU-Verordnung zu Pflanzen aus neuen gentechnischen Verfahren (NGT) mehrheitlich zugestimmt. Damit haben die EU-Institutionen die neuen Regeln final angenommen. Das Gen-ethische Netzwerk e.V. lehnt die Neuregelung ab und sieht die Entwicklungen mit großer Sorge. Die neue Verordnung höhlt die grundlegenden Prinzipien des Umwelt- und Verbraucher*innenschutzes aus, belastet die gentechnikfreie Landwirtschaft und erschwert maßgeblich den Zugang zu Informationen.
Ökologin und Gentechnikexpertin Judith Düesberg vom Gen-ethischen Netzwerk e.V. kommentiert die Entscheidung: „Die EU-Verordnung zu Pflanzen aus neuen gentechnischen Verfahren ist ein Freibrief für die biotechnologischen Unternehmen im Agrarbereich. Jegliche Vorsorge- und Monitoring Maßnahmen werden für den Großteil der Pflanzen abgeschafft und das nicht nur für landwirtschaftlich genutzte Pflanzen, sondern auch für alle Wildpflanzen. Diese Abgabe von Verantwortung von Seiten der staatlichen Institutionen an die Unternehmen ist höchst leichtsinnig! Es geht auf Kosten der gentechnikfreien und ökologischen Landwirtschaft und Produktionsketten, der Verbraucher*innen und der Gesellschaft.“
Durch das neue Gesetz wird der Großteil aller mit den neuen gentechnischen Verfahren erzeugten Pflanzen künftig von den bestehenden Gentechnik-Vorschriften ausgenommen. Dies gilt für alle Nutz- und Wildpflanzen mit bis zu 20 beabsichtigten Veränderungen auf der DNA, die fortan als NGT1-Pflanzen kategorisiert werden. Diese Pflanzen werden gleichgestellt mit konventionell gezüchteten Pflanzen. Für sie entfallen unter anderem die Umwelt- und Gesundheitsprüfungen, die Kennzeichnungspflicht bis zum Endprodukt sowie die verpflichtende Bereitstellung von Nachweisverfahren.
Ohne Nachweisverfahren ist eine Reinhaltung der gentechnikfreien Produktionsketten sehr aufwendig. Aufwand, Risiko und Kosten werden von den Unternehmen, die NGT1-Pflanzen entwickeln und vermarkten, auf die gentechnikfreie Lebensmittelproduktion wie die Ökobranche und die Gesellschaft verschoben. Bei NGT1-Pflanzen soll nur noch das Saatgut verpflichtend gekennzeichnet werden, aber nicht mehr die folgenden Produkte. Ohne eine Kennzeichnungspflicht bis zum Endprodukt verlieren die Verbraucher*innen die Möglichkeit, informierte Entscheidungen über ihre Lebensmittel zu treffen.
Auch aus ökologischer Perspektive ist die Verordnung zu kritisieren. Die langfristigen Auswirkungen auf Biodiversität und Ökosysteme durch neue Pflanzeneigenschaften, die durch die Verfahren erzeugt werden können, sind unbekannt. Angesichts sich immer schneller entwickelnder biotechnologischer Möglichkeiten im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz ist der vollständige Verzicht auf eine Risikoeinschätzung leichtsinnig. Zudem widerspricht dieses Vorgehen dem in der EU verankerten Vorsorgeprinzip.
Mit der Entscheidung stellt die EU die Interessen großer Agrarkonzerne über jene von Landwirt*innen, kleinen und mittelständischen Züchter*innen und den Verbraucher*innen. Die Eigenschaften von gentechnisch veränderten Pflanzen können patentiert werden. Es ist davon auszugehen, dass mit der Deregulierung die Anzahl von Patenten auf Saatgut stark steigen wird. Patente werden vor allem von großen Unternehmen angemeldet und durchgesetzt. Dies wird zu einer zunehmenden Monopolisierung der Landwirtschaft beitragen.
Ökologin und Gentechnikexpertin Judith Düesberg vom Gen-ethischen Netzwerk e.V. zu den Folgen der Deregulierung auf die Landwirtschaft: „Auf die Ökosysteme der Agrarlandschaft lastet schon heute der enorme Druck einer intensiven, extrem vereinheitlichten und inputintensiven Landwirtschaft. Die Deregulierung der neuen Gentechniken stärkt jedoch eine kapital- und wissensintensive Technologie, die in der Landwirtschaft die bestehenden Machtstrukturen ausbauen wird und damit entgegen einer zukunftsfähigen, weil vielfältigen Landwirtschaft entgegensteht.“
Gen-ethisches Netzwerk e. V.
Das Gen-ethische Netzwerk e.V. ist ein spendenfinanzierter Verein, der Wissen zu Bio-, Gen- und Fortpflanzungstechnologien für die interessierte Öffentlichkeit aufbereitet. In Zusammenarbeit mit feministischen und ökologischen Bewegungen ermöglichen wir differenzierte Debatten, die die gesellschaftlichen Auswirkungen dieser Technologien ins Zentrum stellen.
Pressekontakt
Judith Düesberg
Judith.dueesberg@gen-ethisches-netzwerk.de
030/6857073
Judith Düesberg ist Ökologin und Mitarbeiterin des GeN.
Kontakt im GeN:
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